Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

38 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. 
schaft, 17585; Polizeiwissenschaft, 1766; System des Finanzwesens 1766 ꝛc.). Neben ihnen 
vertreten die Staatsrechtslehrer und Philosophen mit fast noch größerer Energie die Pflicht 
der Regierungen zu wirtschafts-polizeilicher Thätigkeit. Christian Wolf ist der Lehrer 
der Generation, die bis zu 1786 regiert hat; er preist aus vollster Uberzeugung China 
mit seiner Vielregiererei und seinem Mandarinentum als Musterstaat. Der Regierung wird 
in schrankenloser Weise die Sorge für die allgemeine Glückseligkeit zugewiesen; sie soll 
für richtigen Lohn und Beschäftigung aller Menschen, für mittleren Preis, für die rechte 
Zahl Menschen im ganzen und in jedem Berufszweige, für die Tugenden und guten 
Sitten der Kinder, der Hausfrauen, der Bürger und der Beamten sorgen. 
Der Franzose Melon (Essai politique sur le commerce, 1734, deutsch 1756) 
verlangt von der Regierung Sorge für Kornvorräte, Bevölkerungs- und Geldvermehrung. 
Forbonnais (Eléements du commerce, 1754; Recherches et considérations sur les finances 
de France, 1758 ꝛc.) steht ungefähr mit Steuart auf, demselben Boden. Die Schriften 
beider haben die merkantilistischen Einseitigkeiten und Übertreibungen so abgestreift, find 
so reich an scharfer Beobachtung und guter Schlußfolgerung, daß sie neben Smith, 
Hume, Turgot zu den großen Leistungen der ersten Glanzzeit nationalökonomischer Wissen— 
schaft (1160 —90) 4u rechnen sind. 
Die ganze hier aufgezählte Litteratur hat überwiegend einen politischen und ver— 
waltungsrechtlichen Charakter; die allgemeine psychologische Voraussetzung ist zumal bei 
den deutschen Kameralisten die Dummheit des Pöbels, der Schlendrian selbst der Kauf— 
leute, die man mit Gewalt zu ihrem Vorteil hinziehen müsse. Man fürchtet, daß alles 
schlecht gehe, wenn man der Dummheit und Gewinnsucht freie Bahn gebe. Man ist 
pessimistisch in Bezug auf die Individuen, optimistisch in Bezug auf die Staatsthätig— 
keit; wir finden eine gewisse Unbehülflichkeit bei viel praktischer Lebenskenntnis. Die 
volkswirtschaftliche Theorie ist noch ganz verknüpft mit der Betrachtung des Staates, 
der Polizei, der Finanz, weil die Staats- und die Volkswirtschaftsbildung im 17. und 18. 
Jahrhundert zusammenfiel, weil nur in den eben gebildeten größeren Nationalstaaten 
mit starker Centralgewalt die neue Volkswirtschaft hatte entstehen können. Nicht der 
Glanz generalisierender, bestechender Systeme wird in dieser Litteratur erreicht, sondern 
eklektisch sucht man das Brauchbare, das Nächstliegende, das Anwendbare. Die platten 
Köpfe werden dabei banausisch, die feineren aber erreichen eine Lebenswahrheit, die von 
den abstrakten Systemen ihrer Nachfolger im Lager der volkswirtschaftlichen Indivi— 
dualisten und der Socialisten vielfach nicht wieder erreicht wurde. 
40. Die individualistische Naturlehre der Volkswirtschaft. So 
sehr vom 16.—-18. Jahrhundert in den sich konsolidierenden westeuropäischen Staaten 
das Bedürfnis einer festen und starken Centralgewalt sich geltend gemacht hatte, so 
wenig fehlten doch die entgegengesetzten praktischen Tendenzen. Fast überall dauerten 
dräftige lokale Bildungen, Korporationen, Stände, selbständige kirchliche Gruppen fort. 
Wie die katholische Kirche da und dort die Volkssouveränität gelehrt, so hatten die 
bedrängten französischen Hugenotten die ständischen Rechte und das Recht des Wider— 
standes gegen die Mißbräuche der Regierungsgewalt betont, den sogenannten Staatsvertrag 
in individualistischem Sinne ausgelegt, teilweise schon die Parole der Gleichheit aller 
Menschen ausgegeben. Boisguillebert (De détail de la France, 1695) erging sich in 
hartem Tadel der bestehenden französischen Staats- und Finanzverwaltiung, welche die 
Getreideausfuhr zu Gunsten der städtischen Industrie erschwere, den Landbau lähme, 
und der große franzöfische Marschall Vauban (Dime royal, 1707) kam auf Grund seiner 
zenauen Kenntnisse der Not der Bauern zu nicht minder schweren Anklagen und zur 
Forderung großer Amter⸗-, Steuer- und Socialreformen. Mächtig arbeitete der durch 
die Rengaissance und die Reformation geweckte, durch die Geldwirischaft beförderte Trieb 
nach individueller Selbständigkeit weiter. In Holland und England hatte noch stärker 
als anderwärts das aufkommende Bürgertum und die beginnende Haändelsaristokratie 
freie Bewegung, für sich hauptsächlich freien Handel gefordert, die merkantilistischen 
Regierungsmaßregeln getadelt (z. B. North, Discourses upon trade, 1691). Der große 
Philosoph Locke, obwohl im ganzen noch whigistischer Merkantilist, eifert gegen polizei—
	        
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