Full text : Das Flammenzeichen vom Palais Egmont

Professor Dr. Theodor Lessing. 209
Satz von Karl Marx: „Imperialismus? Was ist denn das? Es ist das, was alle
großen Staaten sind und alle kleinen Staaten gerne werden möchten.“ Es
wäre doch immerhin möglich: China, Japan gewiß, das vereinigte Afrika
(wenn es sich wirklich jemals einigen wird), vielleicht das neue Indien, wird
in 100 Jahren eine autonome Macht sein mit militaristischen Interessen und
expansiver Bevölkerungspolitik. Indem also die farbige Welt die kolonisierenden
 weißen Imperien bekämpft, wandelt auch sie selber sich um in mot
derne Militär- und Handelsstaaten. Militär- und Handelsstaaten aber sind
immer bereit, und müssen bereit sein, zu kolonisieren. Dann ist das ländliche
 alte Asien und Afrika verloren. Die Bauern, ja die Nomaden, werden
sich bald in Händler wandeln. Gehen aber die farbigen Völker diesen Weg
nicht, und wähnen sie etwa auf dem Wege des Protestes oder mit den Mitteln
des Wortes und des Geistes Nationalstaaten bekämpfen zu können, moderne
Imperien, welche Waffen haben, Kapitalmacht, organisierte Massen und die
Kraft der Maschinen, dann sind sie durchaus im Irrtum. Gegen die Technik
kann man nur mit Technik kämpfen. Gegen Kapital nur mit Kapital. Imperialismus
 und Kapitalismus, das sind Schlagworte. Lebendige Mächte stehen
nicht hinter solchen Abstraktionen. Wer sich an bloßen Idealen berauscht,
ohne faktische und praktische Macht, der ist verloren. Die farbigen Völker
werden, wenn sie nicht eine größere Macht sind als ihre Unterdrücker, ausgerottet
 werden. Mit dem letzten Elefanten, mit dem letzten Urwald der Erde.
Oder sie müssen sich amerikanisieren und europäisieren. Also: Es heißt:
FarbigeVölker, tut, was Ihr wollt, verloren seid Ihr immer. So liegt das Problem.
 Gibt es eine Rettung? Können wir positive Ziele zeigen? Können wir
trotz allem Sieger werden? Ja! Wir können es! Es gibt völlig sichere
Rettung. Ich sehe drei Wege. Damit komme ich zum positiven Teil meines
Referates.
Was sollen wir nun tun?
Hören Sie einige Zahlen. Es leben gegenwärtig auf der Erde 1800 Millionen
 Menschen; davon sind 720 Millionen weißhäutig, also europäischen
Blutes. Vor hundert Jahren, 1830, gab es auf der Erde nur 900 Millionen
Menschen. Davon waren 175 Millionen europäischer Abkunft. Das bedeutet,
 das Menschengeschlecht hat sich während der letzten hundert Jahre
verdoppelt. Diese Verdopplung ist fast allein zu buchen zugunsten der rationell
 wirtschaftenden abendländischen Bevölkerung. Während vor hundert
Jahren etwa ein Sechstel der Menschheit weißhäutig war, ist es heute schon
mehr als ein Drittel. Welche Folgen hat dieser Bevölkerungswandel für die
Erde? Die Erde hat 136 Millionen qkm Flächenraum. Würde die Vermehrung
der abendländischen Menschheit im nächsten Jahrhundert genau so weitergehen,
 wie sie im letzten Jahrhundert vor sich ging, dann würde nach abermals
 hundert Jahren auf je 100 qkm Bodens ı europäischer Mensch sitzen.
Europa und Amerika würden bald etwa so dicht bevölkert sein, wie z. B.
Das Flammenzeichen vom Palais Egmont. .

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