Full text: Finanzwissenschaft

92 3. Buch. Die Staatsausgaben. 
auch schon vorher bei Entscheidung der prinzipiellen Fragen auch 
das finanzielle Moment ins Gewicht fallen. Dann hat die Finanz- 
wissenschaft zu entscheiden, wie bei getroffener prinzipieller Ent- 
scheidung, nach Ort, Zeit und anderen Umständen für die Erfüllung 
des Staatszweckes gesorgt werden soll, das Verhältnis der einzelnen 
Ausgaben zur Gesamtausgabe, deren Verhältnis untereinander, deren 
Beziehungen zu den Einnahmen, ob dieselben aus den ordentlichen 
oder außerordentlichen Einnahmen zu decken sind usw. 
Folgt schon hieraus, daß die Finanzwissenschaft auch auf die 
Staatsausgaben Rücksicht nehmen muß, so fällt hier noch der Um- 
stand ins Gewicht, daß ja ein vollständiges Bild vom Staatshaus- 
halte nur dann gewonnen werden kann, wenn auch die Ausgaben, 
die Staatszwecke, bekannt sind. Ja, man könnte mit einem viel- 
leicht paradox scheinenden Satze sogar aussprechen, daß die Wissen- 
schaft der Finanz selbst die Einnahmen nicht richtig darstellen 
könnte, wenn sie nicht hinsichtlich der Staatszwecke und somit der 
Staatsausgaben orientiert ist !). 
So sehen wir denn, daß in neuerer Zeit immer mehr Autoren 
auch die Staatsausgaben in den Bereich der Untersuchung ziehen, 
ja es gibt sogar deren, die jetzt zu sehr nach dieser Seite neigen, 
indem sie sich darauf berufen, daß ja der Staatshaushalt seinem 
Wesen nach Verbrauch von Staatsleistungen ist, die ın den Aus- 
gaben sich widerspiegeln. Demgegenüber muß wiederholt betont 
werden, daß die Staatshaushaltslehre nicht in der Lage ist, die auf 
die Staatszwecke und auf deren Befriedigung bezüglichen prinzi- 
piellen Fragen zu entscheiden und daß daher unsere Wissenschaft 
nur mit der finanziellen Seite der Ausgaben sich befassen kann. 
Die Finanzwissenschaft wird daher nach Entscheidung der Prinzi- 
pien sich darauf beschränken, zu untersuchen, wie groß der Staats- 
bedarf ist, wie derselbe am zweckmäßigsten zu befriedigen ist, 
welches Verhältnis zwischen den Ausgaben angestrebt werden soll, 
wie die Bedarfsbefriedigung der Zeit nach verteilt werden soll, 
welche Reihenfolge in der Befriedigung gewisser Bedürfnisse befolgt 
werden soll, ob die Staatsausgaben eine steigende oder sinkende 
Tendenz zeigen und was die Ursache dieser Tendenz usw. 
Schon Stein fügt seiner Finanzwissenschaft eine Untersuchung 
der Staatsausgaben ein. Wenn er auch die einzelnen Gruppen der 
Ausgaben nur kurz darstellt, so sind wir ihm um so dankbarer für 
die allgemeine Theorie der Ausgaben. Die Ausgaben sind nach 
1) Über die Theorie der Staatsausgaben siehe jetzt auch Moll, Problem 
der Finanzwissenschaft (Leipzig 1924, S. 24 ff.), wo auch eine Neueinteilung 
der Staatsausgaben vorgeschlagen wird. 
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