Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 493
in seinen gewaltigen Konzeptionen gegen das neue, dem
politischen Freiheitgedanken und dem Protestantismus feind—
liche Frankreich in den Niederlanden nicht verstanden oder
wenigstens nicht unterstützt, erwarb in der glorreichen Re—
volution des Jahres 1688 und den ihr folgenden Ereignissen
die englische Königskrone und damit die Operationsbasis, von
deren sicherem, durch nationale Begeisterung getragenem Boden
aus er mehr noch und vor allem grundsätzlicher als Hsterreich die
geschichtliche Welt West- und Mitteleuropas, so wie sie in den
Vorstellungen Ludwigs XIV. lebte, aus den Angeln gehoben hat.
Aber während sich dieser große Umschwung vorbereitete
und eines Jahrfünfts etwa bedurfte, um voll hervorzutreten,
hatten ihm immerhin schon leisere und kleinere Veränderungen
im Reiche sekundiert.
Die Entwicklung knüpfte sich hier beinahe selbstverständlich
an die Person und den Staat des Großen Kurfürsten: und
sein Übertritt auf die kaiserliche, die deutsche Seite bezeichnet
die eigentliche Wendung.
Viele Vorteile hatte der Brandenburger von der Ver—
bindung mit Frankreich im Grunde nicht gehabt. Im Reiche
den meisten Fürsten verdächtig hatte er zwar ein verhältnis—
mäßig großes Heer aufstellen und gut halten können; auch
war Zeit gegeben gewesen zu friedlichem inneren Fortschritte
und kolonialen Experimenten!. Aber darüber hinaus, etwa
zu der noch immer sehnlichst erstrebten Erwerbung Pommerns,
hatte der Bund nicht geführt. Und so begann Friedrich
Wilhelm seiner um so mehr müde zu werden, je mehr sich die
politische Unersättlichkeit Ludwigs XIV. und noch mehr seine
dem Protestantismus feindlichen Endziele enthüllten. Aus
diesem Zusammenhange her begreift es sich denn auch, wenn
der Kurfürst die Schwenkung, die er anfangs unter streugster
Schonung seiner französischen Verpflichtungen und Beziehungen
vollzog, zunächst durch eine Annäherung an die Niederlande,
noch immer den Hort des freien Gedankens in Europa, ein—
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VBgl,. dazu Band VI- S. 444 ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte vIIT.2