492 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Konnte nun das Reich, von Brandenburg verraten und
von Österreich verlassen, dem erneuten Andrange widerstehen?
Es schien noch am geratensten, mit Frankreich, koste es was
es wolle, zu einem friedlichen Abkommen zu gelangen. Und
schon hatten die Niederlande, trotz alles Widerstandes des
Oraniers, in dieser Hinsicht ein ruhseliges Beispiel gegeben:
unter Abschluß eines zwanzigjährigen Waffenstillstandes mit
Frankreich hatten sie sich verpflichtet, Spanien zum Verzichte
auf Luxemburg zu bewegen, wenn die Franzosen die eroberten
Städte Kortrijk und Dixmuyden des niederländischen Festungs—
gürtels herausgäben. Unter diesen Umständen war am Ende
das Reich froh, am 15. August 1684 auch seinerseits mit
Frankreich einen zwanzigjährigen Waffenstillstand zu schließen:
und in diesem Vertrage Frankreich für die genannte Frist den
Besitz Straßburgs und aller bis zum 1. April 1681 vor⸗
genommenen Reunionen zuzugestehen.
Es war der Höhepunkt der französischen Eingriffe im
Westen Deutschlands.
Denn während Frankreich in den nächsten Jahren in seiner
Politik kleiner und kleinlicher Abbröckelung der Reichsgrenze
fortfuhr und die ältere Reunionspolitik durch noch viel ge—
hässigere Mittel übertrumpfte, welche den solidarischen Wider—
willen aller Herrscher, die noch auf Fürstenehre hielten, hervor⸗
riefen, und während es die Welt durch den Erlaß und die
Folgeerscheinungen des Ediktes von Nantes (18. Oktober 1685)
in Erstaunen, nicht aber Bewunderung versetzte, ging der große
Zug der europäischen Angelegenheiten an seine Gegner,
Osterreich und den Oranier, über. Österreich wurde durch
seinen siegreichen Widerstand gegen die Türken und durch seine
Führung der osteuropäischen Welt in den dann folgenden An⸗
griffen dieser Welt gegen die Osmanen eigentlich erst zu einer
wirklichen europäischen Großmacht für sich, mit eigenen Auf—
gaben und Zielen, und wurde zugleich zu jenem Hsterreich
„an Siegen und an Ehren reich“, das vom 18. und teilweise
noch vom 19. Jahrhundert als eigentliche Vormacht gegen
zstliche Unkultur gefeiert wurde. Wilhelm von Oranien aber,