Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

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Erstes Buch. Land, Leute und Technik. 
J. St. Mill, der unsere Wissenschaft im ganzen auf einem überall gleichen Erwerbs⸗ 
triebe ausbauen will, den seinem nationalökonomischen Grundprincipe ins Gesicht schlagenden 
Satz aus: es giebt keinen allgemein menschlichen Charakter, eine von Engländern ab— 
geleitete Maxime kann nicht auf Franzosen angewandt werden; wir müssen allgemeine 
Sesetze über die Bildung des Charakters suchen und finden: „die Gesetze des nationalen 
Tharakters sind die wichtigste Klasse von sociologischen Gesetzen“. 
Je realistischer die Staatswifsenschaften geworden sind, desto mehr machten sich 
Versuche geltend, welche dies anerkennen wollten. Ich erinnere z. B. an Vollgrafs 
unglücklichen Versuch, aus einer naturphilosophisch konstruierten Rassenlehre ein wirt— 
schaftlich-politisches Entwickelungsgesetz der Völker abzuleiten, und an Graf Gobineaus 
Rassentheorien; dieser geistvolle Schriftsteller hat das Verdienst, die historische Bedeutung 
der Rassenunterschiede erkannt und mit Gelehrsamkeit belegt zu haben; aber indem er 
allen Fortschritt auf arisches Blut, allen Rückschritt auf die zu starke Mischung der 
höheren mit den niederen Rassen zurückführt, überhaupt seiner aristokratischen und 
bessimistischen Tendenz die Zügel schießen läßt, nehmen seine Ausführungen teilweise 
doch mehr den Charakter intuitiver Spekulation und dichterischer Phantasie an. Im 
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erreicht worden; es fehlte ihnen die gesicherte empirische Grundlage. Die Wissenschaften 
der Anthropologie und Ethnographie sind noch gar jung. Und erst nachdem sie und 
die vergleichende Sprachwissenschaft ausgebildet waren, konnte auch die Geschichts- und 
Staatswissenschaft beginnen, ihre Blicke auf die Rassenfrage zu werfen. 
Cooks Reisen 1762 —1779 begannen die Aufmerksamkeit auf die sogenannten 
Naturvölker zu lenken. Herder versuchte dann vom spekulativen, Blumenbach vom 
naturwissenschaftlichen Standpunkte die Rassen- und Völkerunterschiede zu fassen. Erst 
in den ketzten zwei oder drei Menschenaltern haben forschende Reisende ein halbwegs 
ausreichendes deskriptives Material gesammelt; die Biologen und Naturforscher haben 
die körperlichen Seiten desselben, die Philosophen, Geographen und Ethnologen die 
psychologischen und sittengeschichtlichen einer strengeren Sichtung und Ordnung unter— 
worfen. Urgeschichte, Sprachvergleichung, Völkerpfychologie und andere Wissenszweige 
kamen hinzu: die Ethnographie oder Völkerkunde entstand neben der etwas älteren, mehr 
naturwifsenschaftlichen Anthropologie. Und so ist heute ein großes, teilweise schon 
bearbeitetes Material aus dem Gebiete der Rassen- und Völkerbeschreibung und -Ver— 
zleichung vorhanden, das der Verwertung für gesellschaftswissenschaftliche Resultate harrt. 
deicht wird sie freilich nicht sein; Anthropologie und Ethnographie arbeiten noch wesentlich 
an den überwiegend naturwissenschaftlichen Elementen ihrer Disciplin; die Grundprobleme 
nd noch bestritten, teilweise unaufgeklärt; die Klassifizierung der Erscheinungen und die 
daraus sich ergebenden Schlüsse sind noch wenig vollendet. Dennoch müssen wir ver— 
suchen, einige der Grundfragen hier zu besprechen, welche auf die wichtigsten volkswirt— 
cchaftlichen und gesellschaftswissenschaftlichen Probleme einen beherrschenden Einfluß haben; 
daran schließen wir dann einen kurzen UÜberblick über die Resultate der Völkerkunde, 
um die anthropologischen und psychologischen Ausgangspunkte für vergleichende Be— 
trachtung der verschiedenen Rassen- und Völkertypen, für ihr verschiedenes Haudeln und 
chre verschiedenen volkswirtschaftlichen Einrichtungen zu gewinnen. 
b9. Die verschiedenen Rassen und Vöolker und das Princip der 
Vererbung. Wir sehen heute eine kleine Zahl von Rassen, d. h. Gruppen von ver— 
schiedenen Stämmen und Völkern, welche aber doch seit Jahrtausenden einen im ganzen 
einheitlichen körperlichen und geistigen Typus darstellen, welche wir in sich als bluts— 
derwandt betrachten, auf einheitliche Abstammung zurückführen; und daneben eine große 
Zahl Unterrafsen, Stämme und Völker, welche wir als Teile der Rassen anfehen, welche 
je als Spielarten der Rassen in sich einen trotz aller Mischung doch homogeneren 
körperlichen und geistigen Charakter als die Rassen zeigen. Wir können nur annehmen, 
daß die vorhandene Üübereinstimmung innerhalb der Rassen und der Völker auf dem 
Princip der Vererbung beruhe, d. h. daß wie die Pflanzen und Tiere, so auch die 
Menschen in der Hauptsache ihre Eigenschaften und Merkmale auf die Nachkommen
	        
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