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rung, die in den letzten Jahren erhoben wurde, „alle Sozial-
politik müsse der Wirtschaftspolitik vorangehen“ ?!). Mit
Recht sagt Vleugels dazu,!) daß „die Verwirklichung dieser
Forderung, Durchführung neuer sozialpolitischer Maßnahmen
ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten,
nicht nur diesen neuen Maßnahmen, sondern auch anderen
bereits‘ durchgeführten die reale Basis entziehen“ würde.
Wenn daher die Sozialpolitik auch nicht ihre Richtung von
der Wirtschaftspolitik erholte, sondern von allgemein-kul-
turellen Gesichtspunkten, so entscheide doch schließlich
der Wirtschaftszustand darüber, inwieweit ihnen Rechnung
getragen werden könne. Im Hinblick auf die Problematik
des Achtstundentages läßt sich nun nach Vleugels der
Satz aufstellen, daß „die Frage des Achtstundentages nur
als wirtschaftliche Frage problematisch sein kann“ ?), da
eine systematische Untersuchung °) „unter physischen, so-
zialen, ethischen, kulturellen und politischen Gesichts-
punkten ... eine ziemlich eindeutig positive Antwort auf
die Frage der Zweckmäßigkeit größtmöglicher Arbeitszeit-
yerkürzung“ *) ergeben hat. So stellte sich auch bei den
Untersuchungen und Verhandlungen im Vorläufigen Reichs-
wirtschaftsrat heraus, daß im Kampf um die Wiederkehr
des Dreischichtensystems in Hochofenbetrieben schließlich
„der Charakter des Schichtproblems ... als Frage nach
dem wirtschaftlichen Ertrage der Produktion“ entschei-
dend blieb.°) Denn einerseits war es nach dem Stande
des Lohnes in Hochofenbetrieben unmöglich, die Einführung
der dritten Schicht auf seine Kosten zu vollziehen, an-
') Vleugels, Der Achtstundentag in Deutschland, Berlin 1924, S. 5.
?) Vleugels, a. a. 0. 8. 7. ;
°) Vgl. dazu 0. Hoffmann, Arbeitsdauer und gewerbliche Produk-
tion in Deutschland nach dem Weltkriege, Stuttgart 1922, S. 13 ff.
*) Vleugels, a. a. O0. 8. 8.
©) Heyde, Wiederkehr des Dreischichtensystems am Hochofen, in
„Soz. Praxis“, XXXTV. Jahrg., Nr. 4, Sp. 77.