Object: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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das wesentlich gewerkschaftlichen Charafter trägt. Im Statut bezeichnet er 
als seine Aufgabe „Äebung der geistigen und materiellen Interessen der 
Mitglieder, insbesondere Regelung der Lohnverhältnisse, gegenseitige 
Anterstützung bei Lohnstreitigkeiten, Aufklärung durch fachgewerbliche 
und wissenschaftliche Vorträge, Beschaffung einer Bibliothek, Pflege der 
Kollegialität durch gesellige Zusammenkünfte und Errichtung eines Arbeits 
nachweises". Aber er sucht die Lösung dieses Widerspruchs doch auf der 
richtigen Linie. Er gründet besondere Kommissionen für die einzelnen 
Berufszweige, und diese Kommissionen sammeln Material über die Lage 
der Arbeiterinnen der betreffenden Industrien, bringen es an die Öffentlich 
keit und interessieren diese für die Aufbesserung der meist jämmerlichen Löhne 
und Arbeitsbedingungen. Insbesondere unter den Arbeiterinnen der Kon- 
fektionsbranchc wird eine lebhafte Tätigkeit entfaltet. Es werden Lohn 
verträge mit einzelnen Firmen vereinbart, es gelingt der Agitation, die 
geplante Einführung eines Zolls auf englisches Nähgarn zu Fall zu bringen, 
ihr sind die ersten Beschlüsse des Reichstags zugunsten einer amtlichen Er 
hebung über die Lohnverhältnisse in der Wäschefabrikation und der Kon 
fektionsindustrie zuzuschreiben, und auch die Einfügung gewisser Bestimmungen 
gegen den Wucher mit Arbeitsmaterial (Trucksystem) in die Gewerbeordnung 
ist auf sie zurückzuführen. EA kommt ferner damals auch schon zu einer rein 
gewerblichen Frauenorganisation, dem Verein der Mäntelnäherinnen. 
Einrichtungen für Rechtsschutz, ärztliche Lilfe und Arbeitsnachweisung werden 
getroffen, Petitionen an die städtischen Behörden für weiblichen Fortbildungs 
unterricht und für Zulassung der Frauen zum Gewerbegericht werden in 
Amlauf gesetzt, und durch Vorträge sozialpolitischen Inhalts werden die 
Mitglieder über die Zusammenhänge der gesellschaftlichen Zustände und 
die sozialen Bestrebungen der Zeit aufgeklärt. (Vergleiche darüber ins 
besondere die Schrift von Emma Ihrer, „Die Arbeiterinnen im Klassen 
kampf", Lamburg 1898, S. 12 ff.) 
Aber diese aufklärenden Vorträge waren nicht nach dem Geschmack 
der Obrigkeit, und als im Frühjahr 1886 der Puttkamersche Streikerlaß 
das Signal zu schärferem Vorgehen gegen die Arbeiterbewegung gegeben 
hatte, fielen ihm unter anderen auch die Arbeiterinnenvereine zum Opfer, 
wie das in Band II dieses Werkes auf Seite 196 und 205 geschildert ist. 
Damit tritt die Arbeiterinnenbewegung Berlins als solche wieder für 
einige Zeit von der Öffentlichkeit zurück. Aber die Bewegung verflüchtigte 
sich deshalb nicht. Als Mitglieder der 1884 gegründeten „Zentral-Kranken- 
und Begräbniskasse für Frauen und Mädchen", die ihren Sitz in Osfen- 
bach und, wie an vielen Orten im übrigen Deutschland, so auch in Berlin, 
ihre Verwaltungsstelle hatte, fanden die Treugebliebenen Anlaß und Ge 
legenheit, zusammenzukommen und die angeknüpften Verbindungen aufrecht 
zuerhalten. Auch erzwang man sich durch zahlreiches Erscheinen in öffent 
lichen politischen Versammlungen von der Polizei das bis dahin den 
Frauen wider das Gesetz verweigerte Recht zur Teilnahme an solchen Ver 
sammlungen. Auf dem Pariser Internationalen Sozialistenkongrcß von 
1889 ließen sich die sozialistischen Frauen und Mädchen Berlins durch 
Emma Ihrer und Klara Zetkin vertreten, und die Berichterstattung voin 
Kongreß gab Gelegenheit, die zeitgemäß gewordene Wiederaufnahme der 
öffentlichen Agitation und Organisation zu erörtern. Eine aus sieben
	        
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