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das wesentlich gewerkschaftlichen Charafter trägt. Im Statut bezeichnet er
als seine Aufgabe „Äebung der geistigen und materiellen Interessen der
Mitglieder, insbesondere Regelung der Lohnverhältnisse, gegenseitige
Anterstützung bei Lohnstreitigkeiten, Aufklärung durch fachgewerbliche
und wissenschaftliche Vorträge, Beschaffung einer Bibliothek, Pflege der
Kollegialität durch gesellige Zusammenkünfte und Errichtung eines Arbeits
nachweises". Aber er sucht die Lösung dieses Widerspruchs doch auf der
richtigen Linie. Er gründet besondere Kommissionen für die einzelnen
Berufszweige, und diese Kommissionen sammeln Material über die Lage
der Arbeiterinnen der betreffenden Industrien, bringen es an die Öffentlich
keit und interessieren diese für die Aufbesserung der meist jämmerlichen Löhne
und Arbeitsbedingungen. Insbesondere unter den Arbeiterinnen der Kon-
fektionsbranchc wird eine lebhafte Tätigkeit entfaltet. Es werden Lohn
verträge mit einzelnen Firmen vereinbart, es gelingt der Agitation, die
geplante Einführung eines Zolls auf englisches Nähgarn zu Fall zu bringen,
ihr sind die ersten Beschlüsse des Reichstags zugunsten einer amtlichen Er
hebung über die Lohnverhältnisse in der Wäschefabrikation und der Kon
fektionsindustrie zuzuschreiben, und auch die Einfügung gewisser Bestimmungen
gegen den Wucher mit Arbeitsmaterial (Trucksystem) in die Gewerbeordnung
ist auf sie zurückzuführen. EA kommt ferner damals auch schon zu einer rein
gewerblichen Frauenorganisation, dem Verein der Mäntelnäherinnen.
Einrichtungen für Rechtsschutz, ärztliche Lilfe und Arbeitsnachweisung werden
getroffen, Petitionen an die städtischen Behörden für weiblichen Fortbildungs
unterricht und für Zulassung der Frauen zum Gewerbegericht werden in
Amlauf gesetzt, und durch Vorträge sozialpolitischen Inhalts werden die
Mitglieder über die Zusammenhänge der gesellschaftlichen Zustände und
die sozialen Bestrebungen der Zeit aufgeklärt. (Vergleiche darüber ins
besondere die Schrift von Emma Ihrer, „Die Arbeiterinnen im Klassen
kampf", Lamburg 1898, S. 12 ff.)
Aber diese aufklärenden Vorträge waren nicht nach dem Geschmack
der Obrigkeit, und als im Frühjahr 1886 der Puttkamersche Streikerlaß
das Signal zu schärferem Vorgehen gegen die Arbeiterbewegung gegeben
hatte, fielen ihm unter anderen auch die Arbeiterinnenvereine zum Opfer,
wie das in Band II dieses Werkes auf Seite 196 und 205 geschildert ist.
Damit tritt die Arbeiterinnenbewegung Berlins als solche wieder für
einige Zeit von der Öffentlichkeit zurück. Aber die Bewegung verflüchtigte
sich deshalb nicht. Als Mitglieder der 1884 gegründeten „Zentral-Kranken-
und Begräbniskasse für Frauen und Mädchen", die ihren Sitz in Osfen-
bach und, wie an vielen Orten im übrigen Deutschland, so auch in Berlin,
ihre Verwaltungsstelle hatte, fanden die Treugebliebenen Anlaß und Ge
legenheit, zusammenzukommen und die angeknüpften Verbindungen aufrecht
zuerhalten. Auch erzwang man sich durch zahlreiches Erscheinen in öffent
lichen politischen Versammlungen von der Polizei das bis dahin den
Frauen wider das Gesetz verweigerte Recht zur Teilnahme an solchen Ver
sammlungen. Auf dem Pariser Internationalen Sozialistenkongrcß von
1889 ließen sich die sozialistischen Frauen und Mädchen Berlins durch
Emma Ihrer und Klara Zetkin vertreten, und die Berichterstattung voin
Kongreß gab Gelegenheit, die zeitgemäß gewordene Wiederaufnahme der
öffentlichen Agitation und Organisation zu erörtern. Eine aus sieben