Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Personen  bestehende  Agitationskommission  wird  gebildet,  die  jedoch  in  den
folgenden  Monaten  noch  viel  mit  polizeilichen  Scherereien  zu  kämpfen  hat.
Nachdem  aber  die  Wahlen  vom  20.  Januar  1890,  die  Verkündigung  der
Reform-Erlasse  Wilhelms  II.  und  der  Sturz  Bismarcks  einen  neuen  Kurs
eingeläutet  hatten,  erwirkte  am  10.  Mai  1890  ein  Besuch  der  Fraum
Ihrer  und  Leuschner  beim  Minister  des  Innern,  Lerrn  von  Lerrfurth,
daß  von  da  ab  von  Frauen  für  Frauen  einberufene  Versammlungen  nicht
mehr  untersagt  wurden.  And  auch  sonst  können  sich  die  Frauen  nun  etwas
mehr  freier  bewegen  und  verfehlen  nicht,  von  dieser  Möglichkeit  Gebrauch
zu  machen.  Es  ensstehen  einige  gewerbliche  Arbeiterinnenvereine,  ein  „allgemeiner ­
  Arbeiterinnenverein  für  Berlin  und  Amgegend"  wird  gegründet,
der  im  Norden  eine  Filiale  hat,  und  eine  Sondergruppe  ruft  einen
„Arbeiterinnenverein  sämtlicher  Berufszweige  Berlins  und  Amgegend"
ins  Leben.
Alle  diese  Vereinigungen  mußten  jedoch  im  Linblick  auf  das  preußische
Vereinsgesetz  streng  ihren  „unpolitischen"  Charakter  betonen.  Dagegen
erlaubte  das  Organisationsstatut,  welches  sich  die  deutsche  Sozialdemokratie
im  Oktober  1890  auf  ihrem  ersten  Parteitag  gab,  den  sie  wieder  unter  dem
gemeinen  Recht  abhielt,  den  Frauen,  als  Mitglieder  der  Partei  beizutreten.
Auf  diesem  Parteitag  waren  die  Berliner  sozialistischen  Arbeiterinnen
wieder  durch  Emma  Ihrer  vertreten.  Außerdem  hatten  noch  Lamburg
in  Frau  Blohm,  Magdeburg  in  Frau  Gundelach  und  Gera  in  Frau
Steinbach  weibliche  Delegierte  entsendet.  Man  ward  sich  dort  über  die
Notwendigkeit  eines  besonderen  Organs  für  die  sozialistische  Arbeiterinnenbewegung ­
  klar,  und  als  Resultat  der  Besprechung  ward  die  Wochenschrift:
„Die  Arbeiterin",  ins  Leben  gerufen,  die,  von  Emma  Ihrer  redigiert,
von  Anfang  1891  ab  in  Lamburg  herauskam.  Noch  war  die  Bewegung
indes  zu  schwach,  aus  eigenen  Kräften  ein  Blatt  zu  erhalten.  Nach
Iahresftist  mußte  „Die  Arbeiterin"  ihr  Erscheinen  einstellen,  fand  aber
sofort  Ersatz  in  der  „Gleichheit",  die  der  Verlag  von  Dich  in  Stuttgart
übernahm,  mit  Klara  Zetkin  als  Redatteurin,  während  Emma  Ihrer
noch  mehrere  Jahre  als  Lerausgeberin  zeichnete.  Ebenso  wie  die  „Arbeiterin"
vermochte  auch  die  „Gleichheit"  längere  Zeit  ihre  Kosten  nicht  zu  decken.
Sie  ward  aber  von  kräftiger  Land  gehalten  und  konnte  so  ununterbrochen
den  geistigen  Mittelpunkt  bilden,  der  die  Gewonnenen  zusammenhielt  und
immer  wieder  mit  Agitationsmaterial  versah.  So  langsam  die  Bewegung
sich  hob,  so  war  sie  doch  jetzt  ein  dauernder  Bestandteil  der  kämpfenden
Sozialdemokratie  geworden,  dessen  Pflege  die  Partei  als  ihre  Pflicht  und
ihr  Interesse  anerkannte.
And  nicht  nur  die  Partei.  Auch  in  der  Gewerkschaftsbewegung
hatte  man  die  Notwendigkeit  begriffen,  sich  mehr  als  vorher  um  die  Organisierung
  der  Arbeiterinnen  zu  kümmern.  In  schöner  Weise  hatte  sich  diese
Erkenntnis  schon,  wie  wir  gesehen  haben  —  vgl.  Bd.  II,  S.  330  —,
bei  der  Bildung  der  Berliner  Streikkommission  bekundet.  In  den  aus
dreizehn  Mitgliedern  bestehenden  geschäftsführenden  Ausschuß  wurden
drei  Arbeiterinnen  gewählt,  obwohl  die  Zahl  der  organisierten  Arbeiterinnen ­
  kaum  den  neunzigsten  Teil  der  organisierten  männlichen  Arbeiter
ausmachte.  Nun  zog  man  aber  aus  der  neuen  Erkenntnis  noch  weitere
Konsequenzen.

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