Metadata: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung. 
wächst in den fünfziger bis siebziger Jahren mit dem Siege der 
Realpolitik und den steigenden Triumphen eines oft skrupel⸗ 
losen Erwerbssinnes die Liebe zur problematischen Natur: der 
Kultus des Erfolges, der Macht und damit des Helden, des 
Genies beginnt. In den Zeitromanen verwandelt sich die 
problematische Natur in die Heroennatur. So schon primitiv 
in Auerbachs „Auf der Höhe“ (1865); dann auch bei Spiel— 
hagen bereits in den „Hohenstein“ (1863), ganz deutlich aber, 
wenn auch unter einer dem Helden feindseligen Tendenz des 
Verfassers, erst in dem Roman „In Reih' und Glied“ (1866). 
Und die Ereignisse von 1870 waren dann in mancher Hinsicht 
den Helden aus dem Roman in die Wirklichkeit zu versetzen 
geeignet, und die Vorgänge des letzten Jahrzehntes des 19. Jahr— 
hunderts dienten dazu, seine Stellung in der Gunst der ffent— 
lichkeit zu befestigen. Dennoch wäre es falsch, den Heroenkult 
der Gegenwart nur auf Rechnung der besonderen politischen Ent— 
wicklung Deutschlands zu setzen; er ist vielmehr ein eingeborenes 
Erzeugnis der modernen Kultur der Reizsamkeit, darum findet 
er sich früher als in Deutschland schon in Frankreich: bei Graf 
Gobineau; und früher als in Frankreich wiederum in England 
und in dem großen Kolonialland englischen Geistes: bei Carlyle 
und Emerson. Die Kultur der Reizsamkeit ist eben zunächst 
äisthetisch; und der Künstler bedarf des Helden. 
Für Deutschland ist es bezeichnend, daß um die Mitte 
der neunziger Jahre Emerson in den Kreisen der „Moderne“ 
beherzigt zu werden begann, und daß das 1877 erschienene 
Renaissancebuch des Grafen Gobineau 1896 ins Deutsche 
übersetzt ward: um diese Zeit war der Heroenkult bei uns 
schon so verbreitet, daß er fremde Zuflüsse aufzunehmen ver— 
mochte. Begonnen aber hat er schon etwa um 1890: damals 
erhob sich zuerst die auch noch heute leidlich fortströmende Flut 
biographischer Litteratur, — und damals zeigten sich auch die 
ersten sicheren Anzeichen einer künftigen Popularität Nietzsches. 
In Nietzsches Denken aber hatte das Heroenideal schon 
viel früher Fuß gefaßt, ja es war seiner Persönlichkeit 
eigentlich eingeboren, denn schon von Kind auf hatte er das
	        
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