Object: Die neuere Entwicklung des Petroleumhandels in Deutschland

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drittwichtigsten Exportartikels doch nicht zugeben. Aus dem 
einfachen Grunde nicht, weil infolge des grossen Minderabsatzes 
und des dadurch hervorgerufenen Preissturzes in den Oelpro- 
duktionsgebieten eine Krisis ausbrechen würde, die zu einer 
schweren Schädigung des Nationalwohlstandes führen müsste, 
ganz abgesehen von der Verschlechterung der Handelsbilanz als 
solcher. Könnte man aber trotzdem das amerikanische Oel mit 
einem höheren Zollsatz belegen, so würde voraussichtlich Russ 
land ohne weiteres an die Stelle Amerikas treten, d. h. der Teufel 
hätte sich in Beelzebub verwandelt, wenn Russland überhaupt so 
viel Leuchtöl nach Deutschland exportieren könnte. Ausserdem 
ist zu bedenken, dass die ausseramerikanischen Gesellschaften ihre 
Preise, wenn auch wohl nicht um den ganzen, so doch sicher um 
den annähernden Betrag der Zolldifferenz erhöhen würden. Da 
mit wäre die Preissteigerung zu einer dauernden gemacht. Die 
Rechnung hätte wieder das Publikum zu bezahlen. — Oder 
b) einen Differentialzoll auf rohes und raffiniertes Petroleum 
einzuführen. Auch dies würde ein Schlag ins Wasser sein. Wenn 
die Differenz gross genug wäre, um die Errichtung von Raffi 
nerien im Inlande rentabel erscheinen zu lassen, so hätten doch 
wieder die Amerikaner den meisten Nutzen davon. Nur ihnen 
stehen Kapital und technische Arbeitskräfte sofort und in solchem 
Masse zur Verfügung, dass sie auch im Raffinieren gleich das 
Monopol an sich reissen würden und es in der Hand hätten, 
Gegner durch fortgesetztes Unterbieten bald mürbe zu machen. 
Dass sie dies auf jeden Fall tun würden, ja dass vielleicht eine 
Drohung, es zu tun, schon genügen würde, Konkurrenzunterneh 
mungen zu ersticken, zeigt das Beispiel Frankreichs. Hier hatte 
sich infolge der Zollgesetzgebung von 1863 und 1892/93 eine 
blühende Raffinierindustrie entwickelt, die ihr Rohprodukt von 
den unabhängigen amerikanischen Produzenten bezog. Alle Be 
mühungen des Trusts, diese auszustechen, fruchteten nichts. Da 
begann er mit dem Bau zweier Raffinerien, drohte die bestehen 
den Fabriken durch rücksichtslose Preiskämpfe zu entwerten und 
erreichte dadurch, dass die Raffineure sich ihm fast sämtlich ver 
traglich verpflichteten, was ihm eine fast unbeschränkte Herrschaft 
errang. Jetzt ist, da der Import besonders russischer Rohöle nach 
Frankreich sehr zugenommen hat, die interessante Tatsache fest 
zustellen, dass amerikanische Firmen auf französischem Boden 
russisches Oel raffinieren!
	        
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