149 —
noch die Frage offen, ob der wachsenden oberschlesischen Feinund
Spezialeisenfabrikation sich auch ein gleicherweise wachsender
inländischer Bedarf öffnen wird.
Hier wird die große Agrarfrage unseres deutschen Vaterlandes
zur speziellen und unmittelbaren Lebensfrage der oberschlesischen
Kohlen-Eisenindustrie. Solange der Großgrundbesitz
in Ostdeutschland vorherrscht, und die z. T. dadurch verursachte,
über vier Jahrzehnte andauernde Landflucht der ostdeutschen
landwirtschaftlichen Bevölkerung die Entwicklung dieser
weiten Gebiete zum gänzlichen Stillstand bringt, werden
die Absatzaussichten der oberschlesischen Kohlen-Eisenindustrie
bezüglich ihres Jnlandsmarktes sehr beschränkt bleiben. Die
Beseitigung jener Ostdeutschlands wirtschaftliches Fortschreiten
hemmenden Hindernisse, die Vermehrung seiner Bevölkerung auf
dem Wege der Ansiedlung einer möglichst großen Zahl landwirtschaftlicher
Erwerbstätiger — an dieser gewaltigen Aufgabe
mitzuwirken, ist das ureigenste Interesse der oberschlesischen
Montanindustrie. Immer mehr gewinnt die Auffassung
an Anhängern, daß unsere deutsche Volkswirtschaft an nationalem
Menschenmaterial nicht genug bekommen kann.
Das deutsche Reich ist sowohl Agrar- als auch Industriestaat
und muß beides in aller Zukunft bleiben.
Die Landwirtschaft hat die Aufgabe zu erfüllen, möglichst
viel und gesunde Menschen zu liefern für die militärische Macht
des Staates und die „menschenfressenden" Industrien.
Handel und Gewerbe dagegen sind berufen, dem Staate
die für seine unmittelbaren wie besonders militärischen Zwecke
erforderlichen, stark wachsenden Geldmittel zur Verfügung zu
stellen. Anerkanntermaßen^) erfüllen Handel und Industrie
schon seit Jahrzehnten die ihneir gestellte Aufgabe in Steuern,
Zöllen wie vorzüglich in den Einnahmen der deutschen Staatseisenbahnen.
Die deutsche Landwirtschaft dagegen hat bisher
nur unter äußerster Anstrengung und Schädigung der agrarischen
Landesgebiete ihren natürlichen Zweck erfüllen können,
4) s. a. die Ausführungen in den Berliner Politischen Nachrichten,
10. August 1913.