Der Einfluß der Individuen, der Gemeinde, des Staates auf die Wohnweise. 275
beseitigen, aber unter Umständen auch ungünstige Ergebnisse herbeiführen kann und zwar
viel mehr als auf dem gewöhnlichen Warenmarkte. Es werden die künftigen Folgen
einer ungesunden Grundstücksspekulation, einer falschen Straßenziehung und Bauweise
nicht so leicht eingesehen. Und doch legen solche Spekulationen, und was ihnen folgt,
die Siedelungsweise für Generationen fest; es entsteht daraus vielleicht für Jahrhunderte
ein festes System, das alle möglichen menschlichen und wirtschaftlichen Zwecke beeinflußt,
ja beherrscht. Daher kann dem privaten wirtschaftlichen Egoismus hier weniger als
sonstwo ganz freie Bahn gelassen werden. Die Interessen der Zukunft und der Gesamt—
heit müssen mitsprechen und diejenige Verteilung der Grundstücke, der Straßen, der
Plätze, diejenigen Ortsanlagen und Einrichtungen aller Art teils direkt, teils indirekt
schaffen, die zweckentsprechend sind. Daher in der Gegenwart so vielfach die Forderung,
daß die Vertreter der Gesamtinteressen stärker als die heutige Bau-, Straßen-, Fabrik—
und Gesundheitspolizei es gestattet, in das Wohnungs- und Mietswesen wie in die ganze
Siedelung eingreifen sollen. Man fordert Expropriationen ganz anderer Art als bißsher,
Sorge der öffentlichen Korporationen für Wohnungen ihrer Beamten oder gar schon
UÜbergang alles oder eines Teils des städtischen Grundbesitzes auf die Kommune. Es
liegt in diesen noch unklar hin- und herwogenden Forderungen ein berechtigter Kern.
Es handelt sich darum, die Ordnungen zu finden, die am besten die Individual—
und Gesamtinteressen ausgleichen, auf Grund deren begangene Fehler und falsche
Richtungen wieder gut gemacht werden können. Es kann Korrekturen geben, die ihrer—
seits derb und kühn, fast plump durchgreifen, wie die bauliche Umwandlung von Paris
durch den Präfekten Hausmann, daneben andere, die zu schüchtern verfahren, wie die
neuere städtische Bau- und Gesundheitsgesetzgebung es noch vielfach thut. Der Staat
und seine Verwaltung können auch das Richtige treffen, wie z. B. die neuere preußische
und deutsche Separationsgesetzgebung, die staatliche preußische Kolonisation des 18. Jahr—
hunderts, die heutige deutsche Kolonisation in den östlichen Provinzen zu beurteilen
sein wird. Immer wird es sich heute, wie erwähnt, hauptsächlich um eine indirekte
Beeinflussung aller Siedelungsverhältnisse handeln. Staat und Gemeinde haben eine
solche in der Hand durch die ganze hierauf bezügliche Agrar- und Baugesetzgebung, wie
durch den Wege- und Straßenbau und durch die Kontrolle und Durchsührung der
Verkehrsmittel und -Anstalten. Ebenso ist der Bau von Schulen, Kirchen, Märkten,
die Konzessionierung der Dampfkessel, der Fabrikanlagen, der Schenken ein indirektes
Mittel der Einwirkung. Man wird behaupten können, daß, je dichter die Menschen
wohnen, desto unentbehrlicher die Herrschaft allgemeiner, vom Gesamtinteresse aus
wirkender Ordnungen über den Siedelungsprozeß sei.
100. Die Folgen der verschiedenen Siedelung. Die historische Über—
legenheit der Stadt über das platte Land ist dieselbe, die der große über den kleinen
Stamm, das dicht- über das dünnbevölkerte Land hat. Die Stadt bietet die Möglichkeit
und Wahrscheinlichkeit lebendigerer gesellschaftlicher Berührung, Reibung, Arbeitsteilung
und Ineinanderpassung; die gegenseitige Förderung des gesteigerten Geschäftsverkehrs,
das Gelingen socialer Organisation ist bei dichterer Wohnweise erleichtert. Daher hat
immer leicht die Stadt das Land beherrscht, eine gegenüber ihrer Einwohnerzahl über—
raschende Macht ausgeübt. Aber ebenso klar ist, daß nicht das gedrängte Wohnen an
sich diese Folgen erzeugt, sondern daß es nur die gesellschaftlichen Berührungen und
damit die geistigen Fortschritte sind, welche sociale Anstalts- und Machtbildung ermög—
lichen und erleichtern. Es giebt gedrängtes Wohnen stumpffinniger Menschen ohne diefe
Folgen, und es giebt eine Verkehrsausbildung und Steigerung der Bildungselemente
des platten Landes, die nahezu ähnliche oder gleiche Erfolge erzielen. Die ungesunde
UÜbermacht der Städte gehört hauptsfächlich den Epochen zurückgebliebener Entwickelung
des platten Landes an.
Auch die von Herbert Spencer mit Recht betonten politischen und socialen Folgen
zerstreuter und dichter Siedelung sind nur mit diesem Vorbehalt anzuerkennen. Er führt
aus, daß auf dem Lande der Angesehene, der Krieger und Priester, der große Grund—
besitzer, der Aristokrat stets eine ganz andere Übermacht behaupie, weil die ihn Umgebenden
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