270 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.
Weiterbildung des Aristotelischen „Potenzbegriffs“.. Die Wirklich-
keit, wie sie sich in ihrem Bilde darstellt, wird durch keinen ein-
zelnen ruhenden Zustand bezeichnet; ihre Wesenheit enthüllt sich
allein in dem Wechselspiel und Widerstreit von Prozessen und
Kräften. Zu erkennen, wie Natur im Schaffen lebt, wie sie
nach künftigen, immer erneuten Gestaltungen und Daseinsformen
trachtet, bildet das Ziel der Forschung. So verschmilzt der Be-
griff der Kraft mit dem des Lebens; die Welt der Objekte wird
erst verständlich, wenn wir sie als Aeusserung eines immanenten
Lebensgefühls deuten. (S. ob. S. 193 ff.)
Diese Grundanschauung, die die gesamte Naturbetrachtung
durchdringt, findet. in der Astronomie — zu der Zeit, da Kepler
mit seinen Untersuchungen beginnt — ein genaues Korrelat und
eine neue Stütze. Wenn das moderne Denken in ihr vor allem
das theoretische Musterbeispiel der mechanischen Notwendig-
keit und Gesetzlichkeit sieht, so muss auf dieser geschichtlichen
Stufe der Schluss die umgekehrte Richtung nehmen: überall, wo
durchgängige Ordnung und Verknüpfung der Erscheinungen,
wo eine strenge Regel der Wiederkehr besteht, da müssen ur-
sprüngliche seelische Prinzipien die Herrschaft führen. Die
Planetenbewegung bildet das gewisseste und unmittelharste Bei-
spiel für die Wirksamkeit der „Formen“ und geistigen Wesen-
heiten. Da der Umschwung der Himmelskörper kreisförmig und
somit ewig ist, so bedarf er zu seinem Fortbestand eines ewigen
Bewegers; da er sich ferner in mannigfacher und wechselnder
Weise vollzieht, so muss es notwendig eine individuelle Unter-
scheidung und Abstufung der geistigen Substanzen geben, denen
lie Leitung der verschiedenen Bahnen anvertraut ist.5) So durch-
zreifend und allgemein ist diese Ansicht, dass der Streit der
Schulen, wie heftig er sonst von allen Seiten geführt wird, vor
ihr verstummt: noch Giordano Bruno kann es aussprechen, dass
28 keinen Philosophen von Bedeutung gibt, der nicht die Welt
und ihre einzelnen Sphären in irgend einer Weise als belebt an-
sieht.®) Nicht nur das theoretische, auch das ästhetische Welt-
bild der Zeit wurzelt in dieser Grundanschauung: man braucht
nur an die grandiose Vision zu denken, in der Dante im Ein-
zang des Paradiso die Einheit und Verknüpfung der Himmels-
kreise und ihrer „seligen Beweger“ erschaut. In den Anmerkun-