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kräfte nicht mehr so überschätzen dürfen, wie es früher ge-
schehen ist. Denn die alte Lehre, die besonders durch Inama-
Sternegg und Lamprecht noch vertreten wurde, ja wie wir
früher gesehen haben), heute noch von hervorragenden Wirt-
schaftshistorikern doch geteilt wird (H. Pirenne), nahm Ja an,
daß es früher keinen nennenswerten Handel und auch keine
Städte gegeben habe. Sie sieht im ganzen beide als eine Neu-
bildung, bzw. Renaissance, eben dieser Zeit vom 10. bis 12. Jahr-
hundert an.
Waren aber schon in der Karolingerzeit Städte und ein be-
trächtlicher Handel vorhanden, wie oben dargelegt worden ist®*),
so können auch die Wirkungen dieser Faktoren nicht als so
grundsätzlich und umwälzend angesehen werden, wie dies bisher
geschehen ist. Gewiß hat das Städtewesen in Deutschland zuge-
nommen und diese Zeit zahlreiche Neugründungen zu verzeichnen.
Wie das Deutsche Reich in seiner politischen Entwicklung sich
nach Osten hin, nach Norden und Süden ausdehnte, so hat auch
der Handel immer mehr sich entfaltet und ebenso wie auch die
militärischen Anlagen (Burgen) zur Entstehung neuer Städte und
Märkte Anlaß geboten. Dadurch ist ohne Zweifel auch die Geld-
wirtschaft ausgebreitet worden und hat ganz andere Dimen-
sionen gewonnen als früher. Es wäre aber m. E. grundfalsch,
sich diese Städte in jener Periode (ıo. bis 12. Jahrhundert)
allesamt als Zentren einer ausgesprochenen Geldwirtschaft vor-
zustellen. Wir müssen vielmehr gerade die Neugründungen sehr
nachdrücklich von den älteren Städten unterscheiden, welche
schon in der Karolingerzeit vorhanden waren und damals
einen beträchtlichen Handel aufwiesen. Ebendort hat sich das
„Kaufleuterecht“ entwickelt, das im 10. Jahrhundert schon
einen bestimmten Inhalt hatte, derart, daß der König dasselbe
auch an neuere Städte verleihen und sie damit bewidmen
konnte
Selbst in diesen großen und alten Städten waren verschiedene
Grundherren begütert, geistlich wie weltlich. und hatten abhängige
%) Vgl. oben S. 145.
4) Vgl. oben S. 122 £.
%) Vgl. Waitz VG. 5% 395 sowie 399 und dazu meine Bemerkungen in
Wirtschaftsentwicklung d. Karolingerzeit 2%. 132 ff.