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Dichtung.
Fortentwicklung des modernen Idealismus aus dem bloßen
Stimmungsgehalt in festere, allgemein stoffliche Motive bald
als ein Bedürfnis der Zeit, dessen tiefere Begründung sich
später aus der Geschichte der Weltanschauung ergeben wird:
man schrie nicht mehr bloß nach subjektiver Wahrheit und
Schönheit, sondern nach objektiven Werten, nach Sittlichkeit
und nach Glauben. Wie aber sollte jetzt diese mehr objektive
Stimmung, dies Fühlen nicht mehr, sondern vielmehr Gefühl
in den stilistischen Formen der Stimmungslyrik zum Ausdruck
zgelangen? Ein neues Problem der Form ergab sich, das noch
keineswegs gelöst ist.
Doch wir wollen nicht in die Zukunft schauen. Es wird
Zeit, zurückzublicken und zu erzählen, wie der neue Idealismus
sich im einzelnen Bahn brach. Und da sei denn zunächst noch ein—
mal daran erinnert, daß im ganzen und großen die ersten Zeiten
der neunziger Jahre den Umschwung brachten. Damals hörte
eine Anzahl spezifischer Bewegungen des Naturalismus auf oder
geriet in ruhigere, gleichsam geschäftsmäßigere Bahnen: so u. a.
die von dem Naturalismus ins Werk gesetzte Reinigung der
Sprache vom Fehler, vom Fremdwort und vom Poapierdeutsch:
1885 war der „Allgemeine deutsche Sprachverein“ begründet
worden, 1889 war Otto Schröders Buch „Vom papiernen Stil“
erschienen, 1891 folgten noch Wustmanns „Sprachdummheiten“.
Damals schuf sich weiterhin künstlerische, ihrer Natur nach dem
Idealen zugewandte Lebensfreude die Anfänge einer neuen
Litteratur; 1890 erschien Langbehns „Rembrandt als Erzieher“
und erlebte in drei Jahren zweiundvierzig Auflagen, 1894 nahm
der „Pan“ mehr für geschlossene Kreise und reichere Klassen,
1895 die „Jugend“ für die große Öffentlichkeit die junge Be—
vegung auf. Und diesen äußeren Veränderungen entsprachen
innerliche. Alte Humoristen von hoher Kunst und eindring—
licher Seelenmalerei, wie Hans Hoffmann, traten wieder mehr in
den Vordergrund der litterarischen Bühne, und auch unter den
Jungen schaffte sich der Humor, dieser so häufige Begleiter
eines lebensfrohen Idealismus, und noch mehr ganz allgemein
gesteigerte Lebensfreude Platz: Kretzers noch etwas ältlich ge—