Aufklärung und Pietismus.
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zu ihm besonders hinneigte und grade auf dem Gebiete seiner
geographischen Verbreitung die wichtigsten Fortschritte der in—
tellektualistischen Wissenschaft gemacht wurden. Dem ent—
sprechend gab es auch in der reformierten Kirche wohl eine
Anzahl pietistischer Erscheinungen: Neander, Tersteegen: — zu
einer großen geistigen Strömung aber erwuchs der Pietismus
aus der allgemein verbreiteten Anlage heraus doch vornehmlich
nur auf dem Boden des Luthertums. Denn nur in der
lutherischen Kirche traf im 17. Jahrhundert der volle Sieg
einer orthodoxen und in sich verstandesmäßig gewordenen
Schultheologie bei völligem Zurücktreten der Schrift hinter die
Kirchenlehre mit dem unausgebildeten Zustande einer stagnieren⸗
den Kirchenverfassung bei Cäsaropapismus und abgestorbenem
Gemeindeleben zu jener Mischung zusammen, welche die ersten
Anfänge zur Bildung einer pietistischen Religion des Herzens
begünstigen mußte.
Beruhte damit der erste Anfang wie die spätere besonders
starke Entwicklung pietistischer Strömungen im Bereiche der
lutherischen Kirche zunächst auf dieser religiösen Schwäche des
Luthertums, welche eben für eine individuelle, ja schließlich
fast subjektive Religion des Herzens einen besonders günstigen
Nährboden abgab, so läßt fich nicht verkennen, daß eben in
diesem Entwicklungsprozesse das Luthertum wieder, in gemüt—
voll verjüngter Gestalt, an die Spitze der Entwicklung der
protestantischen Bekenntnisse, ja an die religiös führende Stelle
in der geistigen Entwicklung der neuen Zeit seit etwa 1750
überhaupt gelangt ist. Und faßt man den Begriff der luthe⸗
rischen Kirche etwas weit, etwa in dem Sinne des Schauplatzes
religiöser Bewegungen des größten Teils der binnendeutschen
protestantischen Bevölkerung überhaupt, so läßt fich sogar
sagen, daß eben in der Entfaltung des Pietismus das refor—⸗
mierte Bekenntnis den geistigen Primat, den es während des
individualistisch-intellektualistischen Zeitalters besessen hatte, an
das Luterthum zugunsten eines religiösen Primates während des
subjektivistischen Zeitalters verloren hat. Es ist einer der
wichtigen Vorgänge, der zugleich die geistige Hegemonie der