Aufklärung und Pietismus. 103
Eine pietistische Neigung im weiteren Sinne des Wortes
durchzieht alle Bekenntnisse des voll entwickelten individualistischen
Zeitalters etwa vom Beginne des 17. Jahrhunderts ab: denn
alle Kirchen hatten um diese Zeit zunächst in sich ein rationales
Element aufgenommen, indem sie gegenüber der Religion des
Gemütes nur zu sehr die Entwicklung der Verstandesseite der
Religion in Dogma und Orthodoxie betont hatten.
Am wenigsten war das verhältnismäßig noch in der katho—
lischen Kirche geschehen. Gewiß war hier die Religion, insofern
sie inneres Erlebnis ist, schon längst zu Vorstellungen und Be—
griffen formuliert worden und im Dogma gleichsam verkalkt;
und das Dogma, im Mittelalter wesentlich Gegenstand des
Gehorsams, war seit dem Tridentinum und unter dem Ein—
lusse des Protestantismus mehr als bisher zum Gegenstand
innerlich unverbrüchlichen Glaubens geworden. Und zugleich
hatte sich an dem mittelalterlichen Verfassungsleben der Kirche,
insofern es ein energisches Gemeindeleben ausschloß, wenig ge—
ändert. Grund also genug für einzelne fromme Seelen, sich
unbefriedigt zu fühlen und einer Religion des Herzens auf
eigenem Wege nachzugehen. Darum fehlten auch der katho—
lischen Kirche pietistische Erscheinungen nicht: der fromme
Dichter Spee, dessen Dichtungen weithin Verbreitung fanden,
der exzentrische Johannes Silesius!, auch Pater Martin von
Kochem sind hier zu nennen. Indes im ganzen birgt die katho—
lische Kirche doch für so einsam Suchende im Schoße ihrer Ver—
fassung seit alters Sicherheitsvorrichtungen: Klöster, Ein—
siedeleien, sakramentale Beruhigungsmittel, endlich die Tradi⸗
tionen einer immerhin kirchlich gebliebenen Mystik; dazu hul—
digte sie in ihrem Kulte dem Intellektualismus höchstens in der
maskierten Form des Schwulstes, hielt aber im übrigen an
breiten Empfindungsgrundlagen fest, so daß fromme Seelen
von geringerer Kraft religiösen Lebens schon in ihrem Kult
allein Beruhigung finden konnten. Und so waren denn
pietistische Strömungen auf katholischem Boden nur gering
1 S. über beide Genaueres unten im zwanzigsten Buche, im zweiten
Kapitel II, 2.
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