DER ORGANISIERTE KÜNSTLERRUHM
U
'
Mittel erkannt worden, diese Geltung zu fingieren, d.h. der
Allgemeinheit als bereits bestehend zu suggerieren. Als
Methoden hierfür gibt das bereits genannte Büchlein ‚,Leit-
faden der Reklame‘‘ folgende an:
„Man läßt sich wöchentlich einmal interviewen, von neidlosen
Kollegen Briefe schreiben, welche Worte der rückhaltslosen Bewun-
derung der letzten Leistung enthalten, erklärt in jedem Jahr, mit
Schluß desselben sich zurückziehen zu wollen, man entdeckt junge
Talente, natürlich auf anderem Gebiet, man errichtet mit fremdem
Geld Stiftungen, denen man bescheiden den eigenen Namen gibt, man
läßt sich wöchentlich einmal photographieren, führt neue Moden ein,
läßt die Einrichtung seiner Zimmer beschreiben, speist Arme in den
Volksküchen, verteilt in den Spitälern Zigarren an die Soldaten, macht
alle neuen extravaganten Kuren mit, bringt geflügelte Worte eigener
Erzeugung und Anekdoten in Umlauf, in denen man die dankbare
Hauptrolle spielt, hält Begrüßungs- und Abschiedsreden, erläßt Mani-
feste, in welchen man das Publikum ‚,Meine lieben Wiener, Berliner‘
usw. anspricht, sendet zu jedem Jubiläum und zu jedem Begräbnisse
einen Lorbeerkranz mit umständlicher Widmung, legt andere aus
dauerhaften Stoffen gemachte Kränze, auf deren einzelnen Blättern
der Name und die Hauptrollen des Spenders angegeben sind, auf die
Gräber der Dichterfürsten, der Komponisten, verrichtet Gebete an
den angeblichen Grabstätten Romeo und Julias, Hamlets usw., greift
zur Feder und erzählt in Wochenblättern und illustrierten Journalen
sorgfältig präparierte, interessante Erlebnisse, verbreitet das Gerücht,
daß man sich mit der Abfassung seiner Memoiren beschäftige, läßt
erzählen, welches Amulet man trage, daß man die Gewohnheit habe,
vor dem jedesmaligen Auftreten dreimal das Zeichen des Kreuzes
zu machen oder ein Glas Champagner zu trinken, oder das Bild der
Mutter zu küssen und läßt endlich in allen Fragen, die auf der Tages-
ordnung stehen, seine Stimme vernehmen.“
Eine besondere Art der unterirdischen Reklame ist auch
die Claque. Über die Claque der Wiener Hofoper gegen Ende
des 19. Jh. machte das Wiener „Fremdenblatt‘““ folgende An-
gaben: „Das Solopersonal der Hofoper setzt sich aus ı 5 Sänge-
rinnen, 18 Sängern und 10 Mitgliedern des Balletts zusammen;
je nach ihren Gagen zahlen diese 43 Mitglieder dem Claqueur
monatliche Beiträge von 5 bis 50fl. Wenn man als Durch-
schnittsziffer per Kopf 20 fl. annimmt, was der Tatsache ent:
sprechen dürfte, so bezieht der Chef der Claque ein monat-
liches Einkommen von über 800 fl., das macht im Jahre
10000 fl. aus.“