Full text : Amerikas internationale Kapitalwanderungen

39

weniger als 1869 davon besaßen. Ende 1872 wurde Amerikas
Effektenschuld an England nur noch auf 125 Millionen Dollar
geschätzt, 85 Millionen davon waren Staats- und Kommunalanleihen,
 sowie Eisenbahnbonds, 40 Millionen Eisenbahnaktien.
 Anfang 1873 mißglückte sogar die Unterbringung
von 300 Millionen Dollar fünfprozentiger Staatsanleihe der
Union in London.
Inzwischen waren soviel neue Eisenbahnlinien in der
Union in Angriff genommen worden, daß ihre Fertigstellung
 und Inbetriebnahme mindestens 900—1000 Millionen
Dollar erforderte. Sie zu beschaffen stieß auf Schwierigkeiten,
 da die Erträgnisse der schon vollendeten Linien
weit hinter den Erwartungen zurückblieben, und es in
Europa trotz der vorteilhaftesten Bedingungen schon 1872
unmöglich war, amerikanische Eisenbahnobligationen abzusetzen.
 Dasselbe galt für den heimischen Kapitalmarkt,
trotzdem zahlreiche Gesellschaften, denen Bankkredite
nicht mehr gewährt wurden, auf ihren Erlös zur Fortsetzung
 ihrer Arbeiten und Zahlung ihrer Obligationenzinsen
angewiesen waren, Die Folge war, daß verschiedene kleine
Gesellschaften die Zahlung ihrer Obligationenzinsen einstellen
 mußten. Das erweckte neues Mißtrauen und zwang
die Bankhäuser, die die großen Eisenbahngesellschaften finanzierten,
 sich die für den Betrieb, bzw. den Weiterbau
nötigen Mittel durch Finanzwechsel und Lombardierung von
Eisenbahneffekten zu verschaffen. Hierdurch wurden dem
Geldmarkt soviel flüssige Mittel entzogen, daß tägliches
Geld sowohl im September 1872, als auch im März 1873
auf 180 % stieg. Schon im Frühjahr 1873 glaubte man, daß
sich neue Kapitalien nicht mehr beschaffen lassen würden,
und eine Krisis unvermeidlich wäre, Indessen schöpfte
man neue Hoffnung als die Wiener Börsenpanik vom 9. Mai
1873, die den plötzlichen Verkauf von 100 Millionen Dollar
amerikanischer Effekten bewirkte, die New Yorker Börse
nur wenig beeinflußte, und es im Juni einigen Eisenbahngesellschaften
 gelang, sich durch den Verkauf ihrer bonds
an europäischen Börsen neue Mittel zu verschaffen. Erst
als im September, am 8., 13. und 18. verschiedene große
Bankfirmen, darunter die Firma Jay Cooke & Co., deren
Inhaber Jay Cooke jahrelang Finanzier der Bundesregierung
gewesen war, ihre Zahlungen einstellten, brach die Krisis
aus, Innerhalb von drei Tagen wurden achtundzwanzig Bankfirmen,
 eine Bank und eine Trustgesellschaft und dreiunddreißig
 broker Bankrott. Dreiundachtzig neugegründete
Eisenbahngesellschaften mit einem Gesamtkapital von
250 Millionen Dollar stellten die Zahlungen ihrer Obliga-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.