Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

gebieten zusammensetzen, die ehemals österreichi- 
schen Gebiete unbestritten zu den am besten 
verwalteten gehören. Als besonders bedeutsam für 
die Beurteilung der Verwaltung des alten Oester- 
reich, namentlich was die Stellung der Länder und 
deren Verwaltungsaufgaben anbelangt, kann aber 
die Tatsache angesehen werden, daß unter den 
großen Plänen zur Neugestaltung des Deutschen 
Reiches auch Vorschläge von sehr ernster Seite 
vorliegen, die im wesentlichen auf eine getreue 
Nachahmung des altösterreichischen Vorbildes hinaus- 
‚aufen. 
Die Verwaltung aus des alten Oesterreich besten 
Zeiten war es allerdings nicht mehr, die beim Zu- 
sammenbruch des Kaiserstaates auf die sich neu 
vildende Republik überging. Zwar muß gerade der 
Verwaltung und ihren Trägern, vor allem der 
österreichischen Beamtenschaft, das große Verdienst 
zugesprochen werden, durch ihre geordnete Weiter- 
arbeit im Dienste des Volkes und durch ihre be- 
sonnene, von der Erkenntnis der gegebenen Not- 
wendigkeiten getragene Haltung in diesen kritischen 
Tagen den Uebergang in die neuen Verhältnisse 
ohne allzu starke Reibungen ermöglicht zu haben. 
Wie in allen anderen. kriegführenden Staaten waren 
aber auch in Oesterreich die Zeiten des Krieges an 
der Verwaltung nicht spurlos vorübergegangen. Die 
lange Dauer des Krieges und die Hochanspannung 
aller Kräfte hatten zum Schlusse eine gewisse Er- 
schlaffung und Lockerung des inneren Gefüges der 
Verwaltung mit sich gebracht. Ueberdies war infolge 
der besonderen Bedürfnisse der Verwaltung während 
des Krieges eine teilweise Umstellung der Verwal- 
tungstätigkeit eingetreten, die auch zu so manchen 
arganisatorischen Neubildungen geführt hatte. Schließ- 
lich waren für die in weitem Umfange zum Militär- 
dienst herangezogenen Staatsangestellten auch zahl- 
reiche Ersatzkräfte — nicht immer die besten — in die 
Verwaltung neu eingestellt worden. Alle diese Ver- 
nältnisse stellten schon von Anfang an eine schwere 
Belastung des Verwaltungsapparates der jungen 
Republik dar. Dazu kam aber noch eine Reihe von 
Umständen, die mit dem Zusammenbruch selbst und 
dessen Folgen zusammenhingen. Der gesamte, auf 
das alte Oesterreich mit seiner mehr als viermal so 
zahlreichen Bevölkerung und seinem fast viermal so 
zroßen Gebiet abgestellte Zentralverwaltungsapparat 
in Wien, der hinsichtlich der auswärtigen Ange- 
legenheiten, der Armee und Marine sowie gewisser 
ünanzieller Belange auch noch mit Ungarn gemein- 
sam war, verblieb zur Gänze dem neuen Oesterreich. 
Die Abwanderung der nichtdeutschen Staatsange- 
stellten aus der Zentralverwaltung in ihre National- 
staaten machte sich verhältnismäßig nur wenig fühl- 
bar. Hingegen strömten aus diesen Staaten die 
Staatsangestellten deutscher Nationalität, deren Pro- 
zentsatz immer größer gewesen war, als dem Ver- 
1ältnis des deutschen Elementes zu den übrigen 
Nationalitäten im Staate entsprach, in großer Zahl, 
eils tatsächlich vertrieben, teils aber auch aus freien 
stücken in das deutsche Restgebiet des alten Oester- 
'eich zurück. Das Bestreben, diesen Angestellten so- 
wie überdies auch den durch die Auflösung deı 
ılten Armee um ihre bisherige Lebensstellung ge- 
kommenen Offizieren neue Verdienstmöglichkeiten 
zu geben, fand eine gewisse Unterstützung durch die 
ı1e6uen Aufgaben, die der Verwaltung infolge der 
mmer größer werdenden Schwierigkeiten in der 
‚ebens- und Bedarfsmittelversorgung sowie ‚auf den 
verschiedensten Gebieten der sozialen Fürsorge er- 
vuchsen. 
Das Gesamtergebnis dieser Entwicklung war, daß 
lie Verwaltung in einem Zustand organisatorischer 
ınd personeller Hypertrophie geriet, die das ohne- 
lies unter den schwierigsten Umständen sein Dasein 
eginnende neue Vesterreich zu erdrücken drohte. So 
cam es, daß die Erkenntnis der Notwendigkeit 
lurchgreifender Reformen in der Verwaltung immer 
ıllgemeiner wurde, wobei allerdings — im Gegen- 
;atze zur Behandlung der Frage im alten Oester- 
‚eich — nunmehr der Ersparungsgedanke der hbe- 
aerrschende wurde. Immer wird es aber allen denen, 
lie auf die Durchführung des großen Werkes der 
isterreichischen Verwaltungsreform im ersten Jahr- 
iehnt der Republik Einfluß nahmen, zum besonderen 
Verdienst anzurechnen sein, daß die Maßnahmen, die 
in erster Linie dem Zweck der Ersparung dienen 
nußten, auch mit echt reformatorischem und fort- 
schrittlichem Geist erfüllt wurden und daß, wie aus 
lem folgenden hervorgeht, einzelne dieser Maßnahmen 
sine weit über den unmittelbaren Anlaß hinausgehende 
Bedeutung erlangt haben, ja in gewissem Sinne für 
lie Verwaltung überhaupt bahnbrechend geworden 
sind, 
Um dem Problem der Verwaltungsreform praktisch 
beikommen zu können, erwies sich als erster Schritt 
auch diesmal wieder die Berufung einer besonderen 
Kommission zum näheren Studium der hiebei in Be- 
racht kommenden Fragen unvermeidlich. Gegenüber 
den Vorarbeiten der früher bestandenen Kommission 
zur Förderung der Verwaltungsreform hatten sich 
aicht allein die Grundlagen des ganzen Problems 
nsoferne etwas verschoben, als es nunmehr vor allem 
zalt, rasch möglichst ausgiebige Ersparungen zu er- 
zielen. Auch die vollkommen geänderten staatlichen 
Verhältnisse, der Kleinstaat mit nicht mehr als 
61, Millionen Einwohnern an Stelle des früheren 
Großstaates, der Charakter des neuen Staatswesens 
als einer auf demokratischer Grundlage beruhenden 
Republik, namentlich aber der mit I0. November 
[920 erfolgte Uebergang zum Bundesstaat brachten 
zine wesentlich andere und keineswegs einfachere 
Problemstellung mit sich. So kam es im Winter 192! 
zur Einsetzung der „Ersparungskommission”
	        
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