2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 305
Bei diesem starken Rückgang der Sterblichkeit im Säuglings-
und Kindesalter haben wir es jedenfalls mit einer Ursache zu
tun, die zur Erklärung des neuzeitlichen Geburtenrückganges mit
herangezogen: werden muß. Freilich ist das nicht die wichtigste
Ursache; denn nach einer Schätzung des statistischen Reichsamts
ist nur etwa ein Drittel der Abnahme der Zweitgeburtenhäufigkeit
auf den Rückgang der Kindersterblichkeit zurückzuführen *).
Schon kurz vor dem Kriege hat Würzburger mit Nachdruck
anf diesen Zusammenhang hingewiesen?) und neuerdings hat
Schloßmann®) auf Grund ganz neuen Materials den einwand-
freien Nachweis für diesen Zusammenhang erworben. Er betont:
„Zwischen dem Tode des Säuglings und der Geschwindigkeit, mit
der es dann zur nächsten Geburt kommt, besteht ein kausaler Nexus“.
Die Geburtenfolge und damit die Geburtenmenge steht in einem
Verhältnis zu den Säuglingstodesfällen. Mar wird sich also Burk-
hardt anschließen dürfen, der meinte, „daß sehr wahrscheinlich der
Geburtenrückgang seit 1901 zum großen Teil eine natürliche Folge
des erhöhten Rückganges der Säuglingssterblichkeit war“ %).
Wenn in dieser Weise ein unzweifelhafter Einfluß der Sterblich-
keit im Säuglings- und Kindesalter auf die Fruchtbarkeit einer Be-
völkerung festzustellen ist, so hat man auch schon häufig und früh-
zeitig auf den umgekehrten Zusammenhang hingewiesen, daß eine
hohe Geburtenziffer auch eine hohe Sterblichkeit zur Folge hat. Das
war bereits Wappäus bekannt und G. v. Mayr hat°) auf Grund
seiner Untersuchungen für Bayern, denen sich auch später Prinzing
angeschlossen hat, folgendes feststellen können: „Je größer die Zahl
der Geburten ist, die auf die gleiche Bevölkerungszahl trifft, um so
höher ist im allgemeinen die Kindersterblichkeit.“ Allerdings kann
dies, wie er darlegt, eine doppelte Ursache haben: einmal die bereits
betonte, daß eine hohe Kindersterblichkeit die Ursache einer großen
Geburtenfrequenz sein kann. Es kann aber auch das Umgekehrte
der Fall sein, daß eine hohe Geburtenhäufigkeit die Ursache einer
1) Beiträge z. deutschen Bevölkerungsproblem, Sonderheft Nr. 5 zu „Wirtschaft
u. Statistik“, 1929, S. 36/37.
2) E. Würzburger, Der Geburtenrückgang u, seine Statistik, Schmollers
Jahrb., Jahrg. 38, 1914.
%) A. Schloßmann, Über d. Zusammenhang zwischen Geburtenhäufigkeit u,
Säuglingssterblichkeit, Jahrb. f. Nat. u. Stat., Bd. 120, 1923, S. 424 ff.
4) Burkhardt, Über den Rückgang, a. a. O.
5) Die Sterblichkeit der Kinder während d. ersten Lebensjahres in Süddeutsch-
land, insbes. in Bayern. Zeitschr. des königl, bayr. stat. Bureaus, 2. Jahrg., 1870,
S. 244.
Diehl-Mombert, Grundrisse, Bd, 15.