250 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
Wenn so die Thätigkeit von Mann und Frau in gewissem Sinne weiter als je
auseinandergeht, so ergänzen sich beide doch besser als früher; beide Teile erreichen so
die Vollendung ihrer specifischen Eigentümlichkeiten, leisten mehr und erzeugen durch—
schnittlich mehr Glück für sich und die anderen. Die Arbeit des Mannes in Staat und
Volkswirtschaft mag dabei als die bedeutungsvollere erscheinen; sie ist doch für jeden
einzelnen Mitarbeiter ein arbeitsteiliges Stückwerk, dessen Resultate das Individuum
oft gar nicht, oft erst spät übersieht. Die Arbeit der Frauen im Hause umschließt einen
kleineren, aber einen vollendeten, harmonischen Kreis; die Gattin, die dem Manne das
Mahl bereitet, ihm abends die Stirne glättet, die Kinder vorführt, wird dienend zur
Glück spendenden Herrscherin ihres Hauses; sie sieht jeden Tag und jede Stunde die
Früchte ihres Thuns vor sich und weiß, daß in ihrem kleinen Reiche Anfang und Ende
alles menschlichen Strebens liege. Die Kindererziehung der patriarchalischen Familie
verliert ihre Härte, ihre egoistischen Zwecke; muß jetzt die Mutter sie mehr allein über—
nehmen, so tritt ihr dafür die Schule helfend zur Seite, und im Bunde mit ihr kann
fie exreichen, was früher nie möglich war. Ihre socialen Pflichten außer dem Hause,
in Vereinen, in der Armenpflege, in der Erziehung und Beeinflussung der Kinder der
unteren Klassen kann die Frau heute leichter als früher erfüllen, weil sie zu Hause ent—
lastet ist. Die hohen Aufgaben und Genüsse der Kunst und der Geselligkeit haben heute
vielfach außerhalb des Hauses Organisationen erzeugt, welche mit der Familie zusammen
wirken müfsen. Ich nenne das Theater- und Konzertwesen, die Vereine für Geselligkeit
und alles Derartige. Aber die Beziehungen dieser Kreise und Organe zur Familie find
nicht schwer zu ordnen. Und daneben umschließt doch die heutige Häuslichkeit die beste
und höchste Art Geselligkeit, den höchsten Musik- und Litteraturgenuß. Die antike Welt
und das Mittelalter kannten in der Hauptsache nur öffentliche Feste, das Tanzvergnügen
im Stadt- oder Zunfthause, den täglichen Wirtshausbesuch der Männer, während nun
doch das Haus der Mittelpunkt der Geselligkeit der Gebildeten wurde.
So zeigt die moderne Familienwirtschast neben ihren Schwierigkeiten doch auch
große Fortschritte. Sind sie freilich noch lange nicht überall eingetreten, so sind sie
doch bei den höheren Kulturvölkern in den höheren und mittleren, teilweise auch schon
in den unteren Klassen erkennbar. Das Wesentliche ist, daß die Familie aus einem
Herrschaftsverhältnis mehr und mehr eine sittliche Genossenschaft, daß fie aus einem
Produktions- und Geschäftsinstitut mehr und mehr zu einem Institüt der sittlichen
Lebensgemeinschaft wurde, daß sie durch die Beschraͤnkung ihrer wirtschaftlichen die
edleren, idealen Zwecke mehr verfolgen, ein inhaltreicheres Gefäß für die Erzeugung
ympathischer Gefühle werden konnte.
92. Gegenwart und Zukunft der Familie. Frauenfrage. Wenn ich
glaube, wahrscheinlich gemacht zu haben, daß die eben erwähnten Lichtseiten mehr im
Wesen der modernen Familienwirtschaft begründet, die Schattenseiten mehr überwindbare
Begleiterscheinungen des Äberganges seien, so läßt sich hiefür ein ganz strenger Beweis
nicht führen. Die Zukunft zu schätzen, bleibt problematisch. Jedenfalls wird derjenige ein
abweichendes Urteil hierüber wie über die ganze neuere Familienentwickelung haben, der
annimmt, sie werde und müsse überhaupt in der Form verschwinden, in welcher sie heute noch
als wirtschaftlicher Sonderhaushalt, basiert auf freiem sympathischem Austausch, existiert.
Diese Annahme geht davon aus, daß die Familienwirtschaft in den heutigen
Groß- und Weltstaaten, mit ihrem leichten Verkehr, mit ihren Bildungsanstalten, ihrer
Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, Ehefreiheit, ihrer zunehmenden Arbeitsteilung, ihrer
kommunaglen Armenpflege und staatlichen Versicherung wachsenden Einschränkungen von
zwei Seiten ausgesetzt sei: der vordringende Individualismus wolle die einzelne Perfon
immer mehr, auf sich selbst stellen, die zunehmenden gesellschaftlichen Einrichtungen
nähmen thatsächlich der Familie eine Funktion nach der anderen, bis nichts mehr bleibe.
Und es ist wahr, die selbständige Organisation der Produktion hat dem Familien—-
haushalte nicht bloß jene alten Aufgaben des Spinnens und Webens, des Nähens und
Waschens, des Backens und Schlachtens entzogen; gesellschaftliche Einrichtungen geben
uns auch schon Gas, Elektricitäi, Wasser, vielleicht auch bald Wärme, sie geben uns