248 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
Freundschaft, der Berufsgenofsenschaft, der Geselligkeit, des geschäftlichen Zusammen—
wirkens träten.
Es ist leider an dieser Stelle nicht möglich, den großen familien- und rechts⸗
geschichtlichen Prozeß der Umbildung des Familien-, Eher, Erb⸗, Ehescheidungsrechtes,
der väterlichen Gewalt, der Rechtsstellung der Frauen, der Kinder und der dienenden
Kräfte in der Familie zu schildern, in welchem der Übergang von der patriarchalischen
zur neuen Familie fich vollzog. Er setzt schon in den späteren Epochen der antiken
Kulturstaaten und dann wieder in den letzten 556 Jahrhunderten ein, hat die ver—
jchiedenften Schwankungen erfahren, ist vom Christentum, der Philosophie, der Litteratur,
allen geistigen und sittlichen Strömungen der Zeit beeinflußt worden. Das Resultat
war damals und neuerdings wieder dasselbe: die Familienglieder sollen freier, unab—
häugiger werden; aus dem Gewalt—- soll ein sittliches Genofsenverhältnis werden; die
freie Ausbildung der Individualität soll erleichtert, aber zugleich der Segen des Familien—
lebens, die einheitliche Lenkung der Familie durch den Familienvater erhalten werden.
Das schönste Blatt aus dieser Geschichte ist die successive Erhebung der Frauen—
stellung: schon bei den Römern verwandelt sich die starre Manusgewalt des Mannes
in das Verhältnis eines consortium omnis vitat. Bei den Germanen war die Gaättin
bereits nach Tacitus die laborum periculorumque socia des Mannes. Der Sachsen⸗
spiegel sagt: dat wip ist des mannes genotinne. Aber erst eigentlich in den letzten
hundert Jahren hat Sitte und Recht diesem Ziele sich ernftlich genähert, es freilich
nach der radikalen Auffassung, die alle Gewalt des Familienvaters aufheben möchte,
auch heute noch nicht erreicht. In dem ganzen Umbildungsprozesse werden immer
wieder Rückschritte gemacht, entstehen Mißbildungen, Dissonanzen zwischen den praktischen
Bedürfnissen des Lebens, der notwendigen Ordnung der Familie und den individualistischen
Tendenzen; der Fortschritt im ganzen aber fehlt nicht. Er liegt einmal in der gesteigerten
GBüterproduktion und dem größeren Wohlstand, die durch die Unternehmungen gegenüber
der bloßen Familienwirtschaft entstehen, dann in der Verbesserung unserer Wohnungen
und den edleren persönlichen Beziehungen zwischen den Familiengliedern. Ich muß
darüber noch einige Worte sagen.
Ich habe vorhin erwähnt, daß die Konflikte zwischen Familien- und Produktions⸗
interesse zur Zeit der patriarchalischen Familie leichter zu losen waren als später. Sie
waren es aber vor allem auch, weil die Ansprüche des Familienlebens noch so gar
zeringe, zumal bei der Menge der kleinen Leute, waren. Der Bauer lebte noch vielfach
mit seinem Vieh in einem Raume, wie er es heute noch teilweise in Rußland thut.
Die gewöhnlichen Wohnungen der Alten wie der mittelalterlichen Menschen waren elende,
kleine, dunkle Räume; noch im Patricierhause des 14. —16. Jahrhunderts hatte man
kaum HZimmer, in denen aufrecht zu stehen, ein Fest zu feiern war; das fand im Stadt-
oder Gildehause statt. Erst seit dem 16. —18. Jahrhundert erhielten zuerst die oberen
Klassen und dann auch der Mittelstand Zimmer mit Heizung, mit Licht, mit so viel
Raum, wie wir heute für nötig halten. Und das wurde doch wesentlich erleichteri durch
die Scheidung der Wohngelasse und der Produktionsstätten. Erst im 18. und 19. Jahr⸗
Zundert entstand mit Hülfe der sortschreitenden Technik und Kunst, unterstützt durch
Feuer- und Baupolizei, aus den alten, höhlenartigen Schlupfwinkeln die neuere Kultur—
wohnung mit ihren Empfangs-, Wohn-, Eß- und Schlafzimmern, ihren Küchen, Kellern,
Badezimmern, Klosets, Wasser- und Gasleitung und all' dem anderen Komfort. Die
Mehrzahl der Kulturmenschen wohnt seit einigen Generationen besser als je zuvor. Und
wenn die großstädtische Menschenanhäufung für die unteren Klassen die Anfprüche teil—
weise wieder vermindert hat, wenn es als allgemeiner öffentlicher Mißstand empfunden
wird, daß viele Familien nur einen oder zwei Räume haben, daß sie in ihren Wohn⸗
räumen zugleich ihre Geschäfte besorgen und arbeiten müssen, daß ihre Familienwohnungen
nicht isoliert von denen anderer sind, so beweist das nur, wie hoch die Ansprüche gegen
frühere Zeiten gestiegen sind, wo faft alle Menschen mit Vieh und Ungeziefer zusammen
zu hausen gewohnt Haren.