Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Pascal. 
die Ungewissheit über das Woher und Wohin des Ich und des 
Alls, die sich am ergreifendsten ausspricht. Zu ihr gesellt sich das 
Gefühl unserer moralischen Doppelnatur, der gemäss wir beständig 
in einer unhaltbaren Mitte dahinleben; gleich unvermögend, die 
Forderung, die uns bedrückt, abzuwerfen, wie sie zu erfüllen; gleich 
unfähig zum Guten wie zum Bösen, zu einer entschlossenen Be- 
jahung des einen oder des anderen Extrems. Jedes unbefangene 
und unmittelbare Lebensgefühl wird durch die Reflexion vergiftet; 
jede Reflexion wiederum durch die Forderungen des Augenblicks 
vereitelt. „Wir begehren die Wahrheit und finden in uns nur 
Ungewissheit. Wir suchen das Glück und finden nur Elend und 
Tod. Wir sind ausser stande, auf Wahrheit und Glück zu ver- 
zichten und ausser stande, Gewissheit und Glück zu finden“. Und 
der Widerspruch, der Jas Leben des Einzelnen durchzieht, wieder- 
holt und verschärft sich im Leben der Gemeinschaft. Auch hier 
ist uns die Forderung des Rechts lebendig und lässt sich nicht 
zum Schweigen bringen; aber alle empirische und soziale Wirk- 
lichkeit, die uns umgibt, steht zu ihr in unversöhnlichem Ge- 
gensatz. Jeder Ausgleich und jede Einigung, die versucht wird, 
führt uns nur um so tiefer in ein trügerisches Sophisma: wir ver- 
decken den inneren Widerstreit, indem wir die ideale Norm selbst 
nach den bestehenden realen Gewalten modeln und zurechtrücken. 
Das Recht ist dem Streite der Meinungen unterworfen, die Gewalt 
dagegen ist zweifellos und an deutlichen Anzeichen erkennbar: so 
hat man es vorgezogen — da es sich nicht bewirken liess, dass das 
Gerechte stets auch die Macht habe — umgekehrt die Macht gerecht 
zu nennen, wodurch man allem Widerstreit glücklich entgangen ist 
(VI, 7 u. 8). Und so bleibt allgemein die willkürliche und wandel- 
bare Konvention, mit welch klingenden Namen wir sie immer 
ausstatten, der Grund und die Regel alles sozialen Zusammen- 
lebens. Der feste Punkt, von dem aus wir die einzelnen Hand- 
lungen beurteilen und bemessen können, besteht auch hier nur 
in der Einbildung und in der Forderung. Die Vernunft bietet 
sich zur Entscheidung an; aber sie erweist sich alsbald als ein 
gefügiges Werkzeug, das allen Parteien gleichmässig zur Verfügung 
steht und sich nach allen Interessen biegen und zurechtdeuten 
lässt“ (VII, 4). Statt die unwandelbare Einheit zu behaupten, sieht 
sie sich selbst in die Mannigfaltigkeit der Wünsche und TLeiden-
	        
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