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Pascal.
sittlichen Härten der Gnadenlehre gibt er sich nunmehr ohne Wider-
stand und ohne den Versuch einer Abschwächung und Umdeutung
hin. Jansenius’ Werk über Augustin bildet den latenten Mittel-
punkt, auf den alle seine Gedanken sich zurückbeziehen und in
dem sie ihre letzte Einheit finden. Das Freiheitsproblem, wie
Pascal es erfasst und begreift, kann nicht gelöst, ja nicht formuliert
werden, wenn man nicht mit diesem Werke einen doppelten Zu-
stand der Menschennatur unterscheidet. Wenn im Stande der Un-
schuld dem Menschen das ursprüngliche Vermögen zukam, sich
selbsttätig zu bestimmen, wenn die göttliche Gnade in seinen Hand-
lungen zwar mitwirkte, von ihm selbst aber nach freiem Ermessen
angenommen oder zurückgewiesen werden konnte: so ist in seiner
jetzigen Natur diese Fähigkeit zur Selbstbestimmung für immer in
ihm ausgelöscht. Jede sittliche Regung, jede Rückwendung'zur gött-
lichen Wesenheit ist nunmehr der Einwirkung des menschlichen
Wollens und Handelns entzogen; sie ist ein Geschenk der göttlichen
Gnade, die sich dem Einzelnen ohne sein Verdienst und seine
Beihilfe unmittelbar mitteilt. Vor der Allmacht und dem Zwange
dieser Gnadenwirkung schwindet jeder Widerstand und jede Wahl
des Individuums dahin. In jedem Augenblick des menschlichen
Daseins muss sich das Wunder der Erlösung von neuem wieder-
holen: die natürlichen Kräfte des Geistes sind, sich selber über-
lassen, gleich unfähig, sich zur geringsten Erkenntnis der Wahr-
heit, wie zu eigener, sittlicher Veberzeugung und Tat durchzu-
ringen. Unser Wissen, wie unser ethisches Handeln ist nicht die
spontane Frucht unseres geistigen Wesens, sondern das Werk
eines übermächtigen Einflusses, dem wir erliegen. Das Wunder
aber vollzieht sich nach freiem Ermessen und freier Wahl, vor
der jede Frage der natürlichen und menschlichen „Gerechtigkeit“
zu verstummen hat: nicht die „Würdigkeit“ des Einzelnen, son-
dern lediglich die unumschränkte, an kein Gesetz gebundene gött-
liche Willkür entscheidet.) Pascal hat dem Gedanken des
Jansenius, den er aufnimmt, die schärfste Wendung und Zuspitzung
gegeben: die Gerechtigkeit, die Gott gegenüber den „Verworfenen“
übt, ist weniger anstössig, als seine Barmherzigkeit gegen die Aus-
erwählten (X, 1). So steht den wenigen begnadeten Individuen
eine einzige „Masse der Verlorenen“ beständig und für immer
gegenüber. Alle Werke der Gottheit, alle ihre Offenbarungen in