Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 299
Ton wohl gelegentlich genial übermütig, sicherlich aber immer
wüster ward. Jetzt wurden die Gegner Luthers, ein Eck,
Murner, Cochläus, mit den Spottnamen des Gecken, Mur—⸗
narren, Kochlöffels bedacht; jetzt die Bettelmönche, diese popu—
lären Vertreter des alten Systems, als Käshabichte und Wurst—
huben, als heilige Vuter vom Sauermilchtopf, ja als des
Teufels Mastschweine verspottet.
Aber auch der Inhalt dieser Litteratur wurde immer
radikaler. Schon die Schrift „Doktor Luthers Passion“, die
nach dem Wormser Reichstag erschien, hatte den Vergleich
zwischen der Vernehmung Luthers zu Worms und dem Verhör
Christi durch Pilatus bis ins kleinste durchgeführt; nach unserem
Geschmack, wenn auch nicht ganz nach der Auffassung des 16. Jahr⸗
hunderts, waren die Grenzen zwischen Blasphemie und religiöser
Satire überschritten. Und bei der Kritik der kirchlichen Ver—
fassung scheute man sich bald nicht mehr, zur Durchführung der
Reformation unmittelbare Gewalt anzuraten, und mit religiösen
Ideen vermischt tauchten kommunistische Programme empor.
Der größte Teil dieser Litteratur ist anonym; nur hier und
da erheben sich aus der Masse dunkler Skribenten begabte
schriftstellerische Persönlichkeiten, so der Ulmer Franziskaner⸗
mönch Eberlin von Gunzburg. Um so notwendiger war es
für den würdigen Verlauf der reformatorischen Strömung,
daß sich ihrer kühne und überzeugte Männer annahmen, um
unter dem Druck der allgemeinen Erregung die Ketten der
alten Kirche zu sprengen. Hier kämpften die Ordensgenossen
Luthers in erster Reihe, ein Johannes Mantel in Schwaben,
Jakob Präpositus und Heinrich von Zütphen in den Nieder—
sanden, Kaspar Güttel in Thüringen; aus ihrer Mitte sind
auch die ersten Märtyrer des neuen Glaubens, die am 1. Juli
1523 zu Brüssel verbrannten Heinrich Voes und Johann von
Essen, hervorgegangen. Aber neben die Augustinermönche traten
doch auch Benediktiner und Dominikaner, wie Bucer, der Re⸗
formator Straßburgs, vor allem aber Franziskaner und Karme—
1 S. v. Bezold a. a. O. S. 353.