Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

298 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel. 
mitteldeutschen Länder; neben der Wittenberger Reform hat 
er predigend namentlich in Borna, Altenburg, Zwickau, Eilen— 
hurg, auch in Erfurt gewirkt. 
Aber weit hinaus über den Kreis der mitteldeutschen Länder 
war inzwischen der Ruf des Evangeliums erklungen und ge— 
hört worden. Und überall folgte ihm ein außerordentlicher 
Aufschwung zunächst der nationalen Denkarbeit; die deutschen 
buchhändlerischen Erscheinungen haben sich vom Jahre 1518 
bis zum Jahre 1523 versiebenfacht. Was half demgegenüber 
die im Wormser Edikt proklamierte Büchercensur? Fast überall 
kaufte man frei die reformatorischen Schriften, vor allem die 
Luthers, die im Jahre 1528 bereits das erste Hundert über— 
schritten hatten!. 
Die volkstümliche, lutherfreundliche Litteratur war aber 
— 
einwirken konnte, im Südwesten Deutschlands, auf dem Boden 
der erhebendsten Erinnerungen aus der Geschichte des Reichs, 
in den Gegenden besonders gespannter sozialer Gegensätze, in 
den Ländern alten Sektentums der Waldenser, Gottesfreunde 
und Winkler. 
Und hier nahm sie auch einen besonders hitzigen und 
zugleich groben, ja unflätigen Ton an. Schon im späteren 
Mittelalter waren die litterarischen Manieren des Bürgertums 
alles andere als fein gewesen; jetzt lebten sie unverbessert in 
den neuen Flugschriften fort. Daneben aber trat der Bauer 
in die Bewegung ein; er wurde in seinem groben Kittel 
litteraturfähig; und schon im Jahre 1520 wurde im Karsthans 
der litterarische Typus des politisierenden und religiös philo— 
sophierenden Bauern geschaffen, dessen pfiffig-thörichte Weis— 
heit allen Witz der Gelehrten zu Schanden macht. Natürlich, 
daß mit diesem dröhnenden Einmarsch nationaler Grundelemente, 
mit dem gleichzeitigen Druck einer wachsenden Agitation der 
S. v. Bezold, G. der deutschen Reformation, S. 851.
	        
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