Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Weiterbildung der religiössen Ideen, soziale Revolution. 297 
Sachsen herausgegeben, in der eine christlich-soziale Fürsorge 
der Kirchengemeinde für die Kranken und Bedürftigen weitherzig 
gefordert ward. 
Die Gemeinde ward auch allmählich zum Hauptorgan 
und Mittelpunkt des Gottesdienstes. Ihr unverständliche Teile 
des alten Gottesdienstes fielen hinweg; die deutsche Lektüre der 
Bibel ward eingeführt. Vor allem aber ward die Gemeinde 
in allen ihren Seelen zur persönlichen Gottesverehrung heran— 
gezogen im Kirchenlied. 
Zwar haben schon die deutschen Gemeinden des 14. Jahr— 
hunderts Kirchenlieder gesungen, und in Böhmen wurden Ende 
dieses Jahrhunderts sogar schon persönlich gehaltene geistliche 
Lieder gedichtet: aber sie waren wesentlich außerliturgischen 
Charakters. Das liturgische Kirchenlied als solches ist beinahe 
ausschließlich ein Erzeugnis der Reformation; monumental, 
bon erhabener Ruhe, dem tiefsten Empfinden aller Ausdruck 
verleihend, ist es die Form, in der die neue Gemeinde Gott 
sucht. Der erste Dichter der Gemeinde aber ist Luther gewesen, 
und die erste singende Gemeinde war die von Wittenberg. 
Noch aus dem Jahre 1528 stammt Luthers Lied: „Nun freut 
euch, liebe Christengemein“; im Anfange des Jahres 1524 
entstand dann das gewaltige Bußlied „Aus tiefer Not schrei' 
ich zu dir“. Und schon kamen die ersten Gesangbüchlein; das 
letzte des Jahres 1624 umfaßt bereits 24 Lieder, darunter die 
Übersetzung des Credo durch Luther: ein Siegel gleichsam auf 
die ganze neue Entwicklung, da die Gemeinde sich nun anstatt 
des Priesters im erhebendsten Gesang zum Glauben an den 
Dreieinigen bekennt. — 
Der Verlauf der Wittenberger Bewegung in den Jahren 
1521 bis 1524 kann als im wesentlichen typisch bezeichnet 
werden für eine Fülle verwandter Erscheinungen, die überall 
auf deutschem Boden, in den Städten zumal, sich entwickelte. 
Nur daß nicht überall zu rechter Zeit so besonnen, so klärend 
und aufbauend wie in Wittenberg, ein Luther dazwischen trat; 
denn Luthers persönlicher Einfluß, von ihm niemals absichtlich 
zesucht oder erweitert, erstreckte sich nur auf einen Teil der
	        
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