bilden. In Sowjetrußland kam noch ein anderer Grund hin-
zu, der zu einer skrupulösen Verteilung der Wirtschaftsgüter
zwang: die außerordentliche Erschöpfung des Landes, in
dem Existenzmittel nur in sehr beschränktem Umfange vor-
handen waren. Allein an diesem distributiven Verfahren
würde man — bei einem Weiterbestehen des Sozialismus —
selbst dann festhalten müssen, wenn es dem Lande gelingen
würde, diesen Zustand äußerster Erschöpfung zu überwin-
den; nur würden die Rationen reichlicher werden.
Durch die autoritäre Verteilung der Wirtschaftsgüter wird
das Recht auf freie Befriedigung der Bedürfnisse negiert. Die
autoritäre Verteilung der Wirtschaftsgüter bedeutet, daß. ich
die Speise essen muß, — mag sie vortrefflich zubereitet
sein —, die mir die kommunale Speiseanstalt vorsetzt, daß
ich für mich nicht das Möbelstück zu wählen berechtigt bin,
das mir gefällt, daß dem jungen Mädchen nicht zusteht, den
Hut zu tragen, der es am besten ziert.
Allein durch die obrigkeitliche Güterverteilung wird auch
die freie Befriedigung unserer höheren, geistigen Bedürfnisse
ausgeschlossen, die ja gleichfalls ein materielles Substrat er-
fordert. Es muß an dieser Stelle betont werden, daß der So-
zialismus, der zwischen sich und den Kommunismus einen
Trennungsstrich ziehen will, im Falle seiner Realisierung
doch bestenfalls nur die freie Befriedigung der elementaren,
keineswegs aber der höheren Bedürfnisse sichern könnte.
Wird das ganze Druckereigewerbe vom Staate beherrscht, so
ist schwerlich anzunehmen, daß. dieser etwa Werke zur meta-
physischen Philosophie herausgeben würde, auch wenn sie
die Bürger noch so interessieren würden, da ja der Staat
solche Werke mindestens für unnütz hält ; ebensowenig
würde der antireligiös gestimmte Staat etwa Kirchen bauen
u. dgl. m. 1)
1} „Friß, was du kriegst!“, — mit diesem lakonischen Aphorismus aus
Tsckechows Erzählung „das Beschwerdebuch“ kennzeichnete Strumilin
am Schlusse des Jahres 1920 in der „Ekonom, Zhisn‘“ das damals in
Rußland geltende Verteilungssystem; mit dem gleichen Aphorismus charak-
serisierte ich bereits drei Monate vorher in einem Vortrag das kommu-
nistische, Verteilungssystem, Eine so verblüffende Ähnlichkeit der Bewer-
ung, ja der Ausdrucksweise zweier so verschieden gesinnter Autoren
beweist, daß der erwähnte Anspruch hätte eigentlich als Motto die
Artikel Larins schmücken müssen, in denen er die Arbeitsentlohnung in
natura und die Abschaffung des Geldwesens — also die beiden Grund-
lagen dieses Verteilungssystems — so beredt verteidigte, (Diese Anmer-
kung wurde von der Zensur unterdrückt.)
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