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Dritter Teil.
tun haben, da die kalte Berechnung und schnöder Egoismus
der Kriminalität auszuweichen verstehen, ohne deshalb den
Anspruch auf moralische Überlegenheit erheben zu können ?7,
Es ist überhaupt ein berechtigtes Verfahren, darauf hinzu-
weisen, daß im Verbrechen des Südländers der Vorbedacht
weniger Raum einnimmt als in dem des Nordländers®. Wo
zwei durch verschiedene Sexualauffassungen getrennte Völker
zusammenkommen, wie, um nur ein Beispiel zu nennen, Fran-
zosen und Italiener nach der französischen Revolution, entsteht
scmit die Grundlage zu schweren Mißverständnissen?9, Schrift-
97 Napoleone Colajanni, Settentrionali e Meridionali, Milano 1898,
Sandron, p. 26; Gaetano Mosca, Colajanni e La Sociologia Criminale,
in der Zeitschrift Il Circolo Giuridico, vol. XXI, Separat-Abdruck, S. 22. —
Vgl. auch S. 117 unseres Buches. .
9% Nach internationalen Berechnungen vom Jahre 1900 belief sich die
Jährliche Quote der auf die einzelnen Länder entfallenden Morde pro Mil-
lion Einwohner in Italien auf 80, in Spanien auf 60, in Österreich auf 20,
in Frankreich auf 14, in Deutschland auf 9, in England auf 5. Womit
also die italienische Verbrecherstatistik sich als fast anderthalbmal so groß
als die spanische, viermal so groß als die österreichische, sechsmal so groß
als die französische, neunmal so groß als die deutsche und fünfzehnmal
so groß als die englische stellen würde. (A. Bosco, L6gislation et Statisti-
que comparee de quelques Infractions A la Loi penale, im Bulletin de
l’Institut International de Statistique, XI, 2, Roma 1900.) Demgegenüber
hat Gioyanni Bodio schon früher darauf aufmerksam gemacht, daß in
der Diebstahlsstatistik Italien mit 70 pro 100000 Einwohner weit hinter
Deutschland mit 200, England mit 130 und Frankreich mit 110 zu stehen
kommt. (Bodio, Di alcuni indiei misuratori del movimento economico in
Italia, 2 Ed., Roma 1891, Accademia dei Lincei, p- 37.)
9 „Etwa ıl4 Tage vor unserer Ankunft hatte sich zu Brescia ein solcher
Fall ereignet. Ein eifersüchtiger Ehemann hatte einen französischen Offi-
zier in den Armen seines Weibes erstochen; der arme Teufel war als ein
Mörder verdammt und nach wenigen Tagen erschossen, Das letzte ist nach
französischer Sitte gerecht, nach italienischer eine himmelschreiende Un-
gerechtigkeit; wie soll da die Ausgleichung kommen? Solche Vorfälle und
gerade solche setzen eine unaustilgbare Erbitterung“. (E. M. Arndt, Bruch-
stücke aus einer Reise durch einen Teil Italiens im Herbst und Winter 1798
und 1799, Teil I, Leipzig 1801, Gräff, S. 352.)