fullscreen: Geschichte des öffentliche Kredites

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Ausblick ins 19. Jahrhundert. 
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suchenden Publikum sind unverändert geblieben, wenn auch sowohl der Typus des 
Vermittlers (Verdrängung des Privatbankiers durch die Bankaktiengesellschaft) wie der 
Charakter seiner Finanzierungstechnik im einzelnen nicht unwesentliche Wandlungen 
erfahren haben. 
War die Schuldenlast aller europäischen Staaten schon in den Kriegen gegen das 
revolutionäre und napoleonische Frankreich sehr beträchtlich gewachsen, so waren nach 
Abschluß der Kriegsperiode zum Wiederaufbau der in den Kriegswirren zerstörten oder 
zumindest geschädigten Wirtschaftsgebiete, für Kriegsrüstungen, Wiederaufbau der 
Festungen, Bezahlung rückständiger Verpflichtungen von neuem nicht minder be- 
trächtliche Mittel erforderlich, die auf dem Wege des öff. Kredites aufgebracht werden 
mußten. Den Anschauungen und der Praxis einer früheren Periode entsprechend be- 
stand in den ersten Jahrzehnten des 19. Jhs. wohl überall der Wunsch und die ernste 
Absicht, die Schuldenlast allmählich abzutragen; in der Errichtung von Tilgungsfonds 
und in deren Dotierung mit eigenen Einkünften hat dieser Wunsch konkrete Gestalt 
gewonnen, Neue Kriege und vermehrte Rüstungen, dazu Defizite infolge des typischen 
Zurückbleibens der Einnahmen hinter dem mit der Erweiterung der öffentlichen Auf- 
gaben wachsenden Finanzbedarf, haben indessen sehr bald den Glauben an die wunder- 
wirkende Kraft des Tilgungsfonds als Illusion erkennen lassen. Trotz Einhaltung der 
Tilgungspläne, dann aber namentlich nachdem der Tilgungszwang in den meisten 
Staaten der freien Tilgung gewichen war, wuchsen die Schuldenlasten unaufhaltsam 
weiter, und mit der Renaissance der öffentlichen Unternehmungstätigkeit, die in der 
Periode der großen Eisenbahnbauten, der Eisenbahnverstaatlichungen und der kom- 
munalen Unternehmungen einsetzt, traten zu den alten, dauernd weiterwirkenden, neue 
Verschuldungsanlässe hinzu, die eine Steigerung des öffentlichen Kreditbedarfes weit 
über jedes vordem vorstellbare Maß zur Folge hatten. Mit dem dauernden Anwachsen 
der Staats-, Provinzial- und Kommunalschulden wurde das kennzeichnende Merkmal 
des Jahrhunderts, die Massenhaftigkeit, auch für die Gestaltung des öff. Kredites maß- 
gebend. Wohl ist die west- und mitteleuropäische Kapitalbildung in einem raschern 
Tempo als dieser Kreditbedarf gewachsen, und die Quote der Kapitalbildung, die von 
der Finanzwirtschaft auf dem Anleihenswege absorbiert wurde, war in den Wirtschafts- 
gebieten, die aktiv am Aufstieg des Hochkapitalismus teilgenommen haben, eher kleiner 
als die entsprechende Quote in den Nationalstaaten des 18. Jhs. Dennoch konnte bei 
wachsendem Umfang konkurrierender Ansprüche an die Kapitalmärkte und bei über- 
mächtiger Stellung der Vermittler eine Verteuerung des Kredites, oder zumindest der 
Eindruck einer solchen, und in der Folge bei den Regierungen das Interesse an einer 
neuen, Verbilligung des Kredites versprechenden Organisation der Vermittlung nicht 
ausbleiben. Und dieses Interesse mußte um so stärker wirken, je mehr sich die Organe 
der öffentlichen Meinung, Parlament und Presse, durch die Anschauung beeinflussen 
ließen, die im Kurs der Staatsanleihen den Barometerstand der politischen Atmosphäre 
und in den großen Anleihensemissionen gewissermaßen ein Plebiszit sieht. 
Die Emission öffentlicher Anleihen, in England seit Mitte des 18. Jhs. regelmäßig 
der Bank von England übertragen, war auf dem Kontinente bis um die Mitte .des 19. Jhs. 
Monopol einer relativ kleinen Anzahl international renommierter Privatbankhäuser, 
häufig jüdischen (haute banque juive), nicht selten schweizerisch-protestantischen Ur- 
sprunges (haute banque protestante), als deren Typus das Haus Rothschild gelten kann 
und deren Machtfülle vorübergehend an die ehemalige politische Bedeutung der Fugger 
heranreichte. Die ganze Betriebstechnik dieser Häuser war, namentlich vor Anbruch 
der Periode der großen Eisenbahngründungen, bestimmt durch die überragende Be- 
deutung der mit der Uebernahme und der Emission öffentlicher Anleihen zusammen- 
hängenden Geschäfte. Intimere ständige Verbindungen wurden nur mit nicht sehr zahl- 
reichen kapitalkräftigen Geschäftsfreunden unterhalten, deren eigener Geschäftsbetrieb 
annähernd ähnlich geartet war; der bewußte Verzicht auf ein ausgebreitetes laufendes 
Kleingeschäft ergab die Möglichkeit weitestgehender Konzentration der Geschäfte in 
den Chefkabinetten und minimaler Geschäftsunkosten; bei allen geschäftlichen Ent- 
schließungen mitentscheidend war das Prinzip, das mächtige Kapital liquid zu erhalten 
Handbuch der Finanzwissenschaft, II, 33
	        
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