8110
Ausblick ins 19. Jahrhundert.
513
suchenden Publikum sind unverändert geblieben, wenn auch sowohl der Typus des
Vermittlers (Verdrängung des Privatbankiers durch die Bankaktiengesellschaft) wie der
Charakter seiner Finanzierungstechnik im einzelnen nicht unwesentliche Wandlungen
erfahren haben.
War die Schuldenlast aller europäischen Staaten schon in den Kriegen gegen das
revolutionäre und napoleonische Frankreich sehr beträchtlich gewachsen, so waren nach
Abschluß der Kriegsperiode zum Wiederaufbau der in den Kriegswirren zerstörten oder
zumindest geschädigten Wirtschaftsgebiete, für Kriegsrüstungen, Wiederaufbau der
Festungen, Bezahlung rückständiger Verpflichtungen von neuem nicht minder be-
trächtliche Mittel erforderlich, die auf dem Wege des öff. Kredites aufgebracht werden
mußten. Den Anschauungen und der Praxis einer früheren Periode entsprechend be-
stand in den ersten Jahrzehnten des 19. Jhs. wohl überall der Wunsch und die ernste
Absicht, die Schuldenlast allmählich abzutragen; in der Errichtung von Tilgungsfonds
und in deren Dotierung mit eigenen Einkünften hat dieser Wunsch konkrete Gestalt
gewonnen, Neue Kriege und vermehrte Rüstungen, dazu Defizite infolge des typischen
Zurückbleibens der Einnahmen hinter dem mit der Erweiterung der öffentlichen Auf-
gaben wachsenden Finanzbedarf, haben indessen sehr bald den Glauben an die wunder-
wirkende Kraft des Tilgungsfonds als Illusion erkennen lassen. Trotz Einhaltung der
Tilgungspläne, dann aber namentlich nachdem der Tilgungszwang in den meisten
Staaten der freien Tilgung gewichen war, wuchsen die Schuldenlasten unaufhaltsam
weiter, und mit der Renaissance der öffentlichen Unternehmungstätigkeit, die in der
Periode der großen Eisenbahnbauten, der Eisenbahnverstaatlichungen und der kom-
munalen Unternehmungen einsetzt, traten zu den alten, dauernd weiterwirkenden, neue
Verschuldungsanlässe hinzu, die eine Steigerung des öffentlichen Kreditbedarfes weit
über jedes vordem vorstellbare Maß zur Folge hatten. Mit dem dauernden Anwachsen
der Staats-, Provinzial- und Kommunalschulden wurde das kennzeichnende Merkmal
des Jahrhunderts, die Massenhaftigkeit, auch für die Gestaltung des öff. Kredites maß-
gebend. Wohl ist die west- und mitteleuropäische Kapitalbildung in einem raschern
Tempo als dieser Kreditbedarf gewachsen, und die Quote der Kapitalbildung, die von
der Finanzwirtschaft auf dem Anleihenswege absorbiert wurde, war in den Wirtschafts-
gebieten, die aktiv am Aufstieg des Hochkapitalismus teilgenommen haben, eher kleiner
als die entsprechende Quote in den Nationalstaaten des 18. Jhs. Dennoch konnte bei
wachsendem Umfang konkurrierender Ansprüche an die Kapitalmärkte und bei über-
mächtiger Stellung der Vermittler eine Verteuerung des Kredites, oder zumindest der
Eindruck einer solchen, und in der Folge bei den Regierungen das Interesse an einer
neuen, Verbilligung des Kredites versprechenden Organisation der Vermittlung nicht
ausbleiben. Und dieses Interesse mußte um so stärker wirken, je mehr sich die Organe
der öffentlichen Meinung, Parlament und Presse, durch die Anschauung beeinflussen
ließen, die im Kurs der Staatsanleihen den Barometerstand der politischen Atmosphäre
und in den großen Anleihensemissionen gewissermaßen ein Plebiszit sieht.
Die Emission öffentlicher Anleihen, in England seit Mitte des 18. Jhs. regelmäßig
der Bank von England übertragen, war auf dem Kontinente bis um die Mitte .des 19. Jhs.
Monopol einer relativ kleinen Anzahl international renommierter Privatbankhäuser,
häufig jüdischen (haute banque juive), nicht selten schweizerisch-protestantischen Ur-
sprunges (haute banque protestante), als deren Typus das Haus Rothschild gelten kann
und deren Machtfülle vorübergehend an die ehemalige politische Bedeutung der Fugger
heranreichte. Die ganze Betriebstechnik dieser Häuser war, namentlich vor Anbruch
der Periode der großen Eisenbahngründungen, bestimmt durch die überragende Be-
deutung der mit der Uebernahme und der Emission öffentlicher Anleihen zusammen-
hängenden Geschäfte. Intimere ständige Verbindungen wurden nur mit nicht sehr zahl-
reichen kapitalkräftigen Geschäftsfreunden unterhalten, deren eigener Geschäftsbetrieb
annähernd ähnlich geartet war; der bewußte Verzicht auf ein ausgebreitetes laufendes
Kleingeschäft ergab die Möglichkeit weitestgehender Konzentration der Geschäfte in
den Chefkabinetten und minimaler Geschäftsunkosten; bei allen geschäftlichen Ent-
schließungen mitentscheidend war das Prinzip, das mächtige Kapital liquid zu erhalten
Handbuch der Finanzwissenschaft, II, 33