Spinnerei Lauffenmühle, Tiengen.
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mal eine schöne Tischdecke für die Mutter
gestickt, die kleinen Geschwister bekommen
Hemden und Schürzchen, die Großmutter
Bettschuhe. Auch Hausschuhe fertigen die
Mädchen selbst an.
FORTBILDUNGS- ODER AUFFRI
SCHUNGSUNTERRICHT. Ein anderer Abend
ist dem Fortbildungs- oder vielmehr Auf
frischungsunterricht gewidmet. Rechnungen,
kleine Aufsätze, Diktate werden gemacht, Ge
schichte gelernt. Einer Neuangekommenen
erklärte die Älteste: ,,Kurzum, da kannst du
nachholen, was du in der Schule versäumt
hast.“
Auch der Fahrplan wird studiert; über Die alte Mühle am Lauffen.
die badische Grenze hinaus geht die Reise
nicht, die Mädchen wissen aber doch Bescheid über die deutsche Bahnhofsmission. Aller
dings wurde in einem Aufsatze darüber aus dem Berliner Marienheim ein Marineheim!
Wein und Bier gibt es im Mädchenheim nicht, aber das tut dem Frohsinn keinen
Abbruch. Am liebsten ist den Mädchen die
SINGSTUNDE, in der sie sich um „ihr
Klavier“ scharen. Ernste und heitere Lieder
werden geübt, auch solche, die den Sinn
für die Vaterlandsliebe wecken: Das Lied
vom schönen Badnerland, Hurra, Germa
nia, Heil unserm Fürsten! Wie würden
die Herzen der Mädchen klopfen, wüßten
sie, daß vielleicht das Auge S. M. des Kaisers
auf den Namen ihres Heims fällt! Sie lernen
auch Gedichte, die sie sehr hübsch vortragen,
und zu Weihnachten führen sie kleine Stücke
auf, die oft eigens für sie geschrieben sind.
Von den Mitwirkenden der „Baumwollfee“
Singstunde im Mädchenheim. wird keine J e Cotonius, den König des Baum-
wollandes und sein Töchterchen Gossipana
(Gossypium) in ihren wallenden Nesseltuchgewändern vergessen. Wenn es regnet, schreiben
sie an Sonntagen ihre Briefe, lesen schöne Bücher, machen Spiele. Ist das Wetter schön,
so unternimmt die Vorsteherin mit ihnen Spaziergänge in der überaus lieblichen Gegend.
Auf größeren Märschen dürfen sie hier und
da „einkehren“. Sie erfreuen dann stets die
Anwesenden durch ihren munteren Gesang.
Mit Blumen beladen kehren sie heim, neu
gestärkt zur Arbeit und viel vergnügter, als
wenn sie auf dem Tanzboden gewesen wären.
Streng und sachlich hatte bei der Gründung
des Heims die badische Fabrikinspektorin
ihren Rat erteilt und besonders die gesetzliche
Seite betont. Sie stimmte aber freudig bei,
als eine der Beteiligten meinte, schließlich
sei „die Liebe des Gesetzes Erfüllung“. Aus
kleinen Anfängen kann sie größeres schaffen. Mädchenheim der Spinnerei Lauffenmühle, Tiengen.