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charakterologische Eignung des Prüflings für einen Beruf, bzw. auf
seine Nichteignung.
Wie die Psychotechniker mit Recht bemerken, hatte die deutsche
‘und österreichische) Psychologie lange Zeit keine Berührung mit
dem wirtschaftlichen Leben, auch nicht, als die Großbetriebe mit
völlig neuen Problemen — Arbeitermassierung, Entfremdung der
Arbeiter vom Betriebe — entstanden waren. Wenn man hier recht-
zeitig mit sozialpsychologischen Untersuchungen und sozialer Thera-
peutik — wie in Amerika (und das soll man in Europa ohne
weiteres nachahmen!) — eingesetzt hätte, so wäre die soziale Frage
in Europa nicht zu einem so unbefriedigenden, Wirtschaft und Staat
aufwühlenden Probleme geworden: Und mit der ziemlich verschwom-
menen »Soziologie« vermochte man diesem ernsten Probleme nicht
beizukommen. Von der Neuen Welt kamen uns die ersten Anregungen
zur sozialpsychologischen Forschung, etwa vor zweieinhalb Jahr-
zehnten. Die Grunderkenntnis war: Trotz aller Wunder der Technik
bleibt (und wird es in stets höherem Maße) der arbeitende Mensch
auch rein wirtschaftlich besehen, von überragender Bedeutung für
den Ertrag der Unternehmungen; dazu kam die weitere Erkenntnis:
Die rücksichtslose Ausnützung der Arbeitskraft ist ein Raubbau an
dem Volke, wodurch auch der Ertrag der Betriebe auf die Dauer
schwer geschädigt wird. So gelangte man allmählich dazu, das
Arbeitsproblem, dessen Bedeutung bisher rein rechnerisch (Lohnhöhe)
und später gesetzgeberisch (Sozialpolitik) zum Bewußtsein gekommen
war, auch psychologisch zu untersuchen, die Lehren der Seelenkunde
auf den Arbeiter als Menschen, als Glied des Betriebsorganismus und
in seinen Beziehungen zur Leitung sowie auf deren Einstellung
zum Arbeiter anzuwenden. Hier ist die geistesgeschichtliche Wurzel
der »Psychotechnik« im weiteren Sinne (etwa gleich »Arbeitswissen-
schaft«, soweit sie psychologische Probleme behandelt) bloßgelegt.
Der Ursprung der Psychotechnik im engeren Sinne geht auf
Professor Münsterberg (Harvard-Universität, Amerika) zurück. Die
Sell Telephone Cy. (mit 16.000 Beschäftigen) hatte gefunden, daß von
den neu aufgenommenen Arbeitskräften ein Drittel nach nicht allzu
langer Zeit als nicht geeignet wieder entlassen werden mußte; das
war ein großer Schaden sowohl für diese Mädchen als auch für den
Betrieb. Die Gesellschaft wandte sich daher an Professor Münster-
derg mit der Frage, ob nicht vor der Anstellung oder Ausbildung
zu erkennen wäre, ob im Bewerber Anlage für diesen Beruf vor-