606 Sechster Teil. Volkswirtschaftliche Zustände in Amerika.
8. Amerikanisches Schulwesen.
Von Max Vahr.
Bahr, Reiseberichte über Amerika. Landsberg a. W., Fr- Schaeffer & Co., 1906.
S. 229—231, S. 232 und S. 235—238.
Eine der bemerkenswertesten Eigentümlichkeiten des amerikanischen Volkes
drückt auch dem ganzen Schulwesen seinen Stempel auf. Die Amerikaner rühmen
sich, eine Nation zu sein von gleichberechtigten, durch keinerlei Vorrechte oder ständische
Gliederungen geschiedenen Staatsbürgern. Dieser Grundsatz der vollen Gleichheit,
der überall mit Strenge und Eifersucht festgehalten wird, beherrscht auch das Schul
wesen. Es gibt neben dem öffentlichen Schulwesen der Staaten und der Gemeinden
auch Privatschulen, Konfessionsschulen, besonders der katholischen Kirche, und mancher
lei besondere Bildungen, sie treten aber in ihrer Bedeutung hinter den öffentlichen
Staatsschulen weit zurück und können für unsere Betrachtungen unberücksichtigt
bleiben.
Das ganze öffentliche Schulwesen steht jedem Kinde unentgeltlich von Anfang
bis zu Ende zur Verfügung. Nirgends ist ein Pfennig Schulgeld zu bezahlen, auch
der Bedarf an Papier und Schulbüchern wird unentgeltlich von der Schule geliefert.
Klassen- und Standesunterschiede existieren für die Schule nicht. Die einzige Schei
dung besteht zwischen Weißen und Farbigen, sonst aber sitzt in der Schule die Tochter
des Millionärs neben dem Sohn des Straßenkehrers, und auch in der Behandlung
wird keinerlei Unterschied gemacht.
Von welchem unendlichen Segen diese Einrichtung für die gesamte Nation ist,
läßt sich kaum ermessen. Die Kinder erziehen sich wechselseitig, das ärmere Kind
lernt an dem reicheren Sauberkeit und Ordnung, gute Manieren in höherem Maße,
als das eigene Haus sie ihm je vermitteln kann. Freilich herrschen in der Familie
geborener Amerikaner, auch der Arbeiter, ein ganz anderer Ton und ganz andere
Lebensgewohnheiten, als wir sie in unseren ärmeren Kreisen finden. Von einer
Armut und Dürftigkeit, wie sie die große Mehrzahl unserer Arbeiter ihr Leben lang
zu tragen haben, ist drüben überhaupt keine Rede. Ein Tagelohn von weniger als
6—8 Jl gehört zu den Ausnahmen, auch die Arbeiterfamilie bewohnt 4—5 Zimmer,
bei besserem Verdienst hat sie, wie jeder einigermaßen gut situierte Amerikaner,
Badezimmer und Badeeinrichtung im Hause, die regelmäßig, täglich, fast von allen
benutzt werden. Daß bei solchen Lebensgewohnheiten auch die Kinder der Arbeiter
von den reicheren Kindern viel weniger durch eine breite Kluft getrennt sind, ist leicht
begreiflich.
Allerdings gilt dies nur für die eigentlichen amerikanischen Kinder. Die aus
allen Teilen der Welt neu Zuwandernden bringen natürlich die schlechten Gewohn
heiten und Sitten ihrer früher dürftigen und elenden Verhältnisse mit hinüber; Un
sauberkeit, Unordnung, Unwahrhaftigkeit haften ihnen an und übertragen sich auf die
Kinder. Trotzdem behaupten die Lehrer, daß der Einfluß der amerikanischen Schule
auch auf diese Kinder ein ganz wunderbarer sei, und daß nach wenigen Jahren das
Kind des Italieners amerikanischen Geist mit der amerikanischen Luft eingesogen
habe und zu einem ganz anderen Menschen sich entwickele. Wenn man sieht, wie
einheitlich und gleichartig die Menschen in Amerika, soweit sie überhaupt lange genug
drüben oder dort geboren sind, in allen Teilen der Union sich darstellen, dann wird
man die Richtigkeit dieser Behauptung in gewisser Ausdehnung zugeben. Natürlich
bleibt immer noch genug von Verschiedenheiten zwischen Einwanderer und Ein
geborenem übrig, und eine vollständige Verschmelzung vollzieht sich wohl erst in der
zweiten oder dritten Generation.