Nachwort zur zweiten Auflage.
Versuch, Unversöhnbares zu versöhnen. Wie zur klassischen Zeit
der bürgerlichen Oekonomie blieben die Deutschen auch zur Zeit
ihres Verfalls bloße Schüler, Nachbeter und Nachtreter, Klein-
nausierer des ausländischen Großgeschälfts. ;
Die eigentümliche historische Entwicklung der deutschen Ge-
sellschaft schloß hier also jede originelle Fortbildung der „bürger-
lichen“ Oekonomie aus, nicht aber deren — Kritik. Soweit solche
Kritik überhaupt eine Klasse vertritt, kann sie nur die Klasse ver-
'reten, deren geschichtlicher Beruf die Umwälzung der kapitalisti-
schen Produktionsweise und die schließliche Abschaffung der Klassen
ist — das Proletariat.
Die gelehrten und ungelehrten Wortführer der deutschen
Bourgeoisie haben „Das Kapital“ zunächst totzuschweigen versucht,
wie ihnen das mit meinen früheren Schriften gelungen war. Sobald
diese Taktik nicht länger den Zeitverhältnissen entsprach, schrieben
sie, unter dem Vorwand, mein Buch zu kritisieren, Anweise „Zur
Beruhigung des bürgerlichen Bewußtseins“, fanden aber in der
Arbeiterpresse — siehe zum Beispiel Joseph Dietzgens Aufsätze im
„Volksstaat“ — überlegene Kämpen, denen sie die Antwort bis
heute schuldig.*
Eine treffliche russische Ueberseitzung des „Kapital“ erschien
im Frühling 1872 zu Petersburg. Die Auflage von 3000 Exemplaren
ist jetzt schon beinahe vergriffen. Bereits 1871 hatte Herr N. Sieber,
Professor der politischen Oekonomie an der Universität zu Kiew,
in seiner Schrift: „Teoria Cennosti i Kapitala D. Rikardo“ [D. Ri-
sardos Theorie des Wertes und des Kapitals usSW.‘“], meine Theorie des
XLIV
* Die breimäuligen Faselhänse der deutschen Vulgärökonomie schelten
Stil und Darstellung meiner Schrift, Niemand kann die literarischen Mängel
des „Kapital“ strenger beurteilen als ich selbst. Dennoch will ich, zu Nutz
und Freud dieser Herren und ihres Publikums, hier ein englisches und ein
"ussisches Urteil zitieren. Die meinen Ansichten durchaus feindliche
„Saturday Review“ sagte in ihrer Anzeige der ersten deutschen Ausgabe:
Die Darstellung „verleiht auch den trockensten ökonomischen Fragen einen
eigenen Reiz (charm)“. Die „S. P, Wjedomosti“ („St. Petersburger Zeitung“)
bemerkt in ihrer Nummer vom 20. April 1872 unter anderm: „Die Dar-
stellung mit Ausnahme weniger zu spezieller Teile zeichnet sich aus durch
Allgemeinverständlichkeit, Klarheit und, trotz der wissenschaftlichen Höhe
des Gegenstandes, ungewöhnliche Lebendigkeit. In dieser Hinsicht gleicht
der Verfasser . .. auch nicht von fern der Mehrzahl deutscher Gelehrter,
lie... ihre Bücher in so verfinsterter und trockener Sprache schreiben,
jaß gewöhnlichen Sterblichen der Kopf davon kracht.“ Den Lesern der
zeitläufigen deutsch-nationalliberalen Professoralliteratur kracht jedoch
{was ganz anderes als der Kopf.