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Zweiundzwanzigstes Buch.
Spanien, und zum Abschlusse seiner Bildung lernt er noch
„allerlei Praktika, Finanzerei, Wucherei und alle Büberei, ohn
alle Grammatica, Dialectica und Poeterei“. Es ist sozusagen
die Realschulbildung des 16. Jahrhunderts, die hier geschildert
wird. Aber neben ihr, und vermutlich sie weit übertreffend,
stand die Lateinschule der Humanisten, das primitive Gymnasium.
Die großen Pädagogen des 17. Jahrhunderts haben dann
die Charaktere der beiden Schulformen bis zu einem gewissen
Grade zu verschmelzen gesucht, indem sie in ihren Reformideen
der Lateinschule mehr Realien als bisher zuwiesen. Zu einem
wirklich einheitlichen und klaren Typ der Mittelschule ist es
indes bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht ge⸗
kommen; viele Lateinschulen waren verkümmert, während aus
der Bürgerschule heraus seit Beginn des 18. Jahrhunderts ver⸗
einzelt Realschulen besserer Gattung, so die Berliner oökonomisch⸗
mathematische Realschule vom Jahre 1789, begründet worden
waren.
Da war es denn am Platze, das Bedürfnis der ge—
bildeten, insbesondere bürgerlichen Kreise, von moralisch-ästhe—
tischer Grundlage aus zu einer harmonischen Verarbeitung der
neuen nationalen wie fremden Kultur zu gelangen, durch eine
Reform der Mittelschulen in dem Sinne humanistischer Er—
ziehungsanstalten zu befriedigen: und so entstand, vielleicht
als die erste wirklich abgeschlossene Institution des jungen Zeit⸗
alters überhaupt, das neuere Gymnasium. Geht man vor—
nehmlich von Preußen aus, so kann man seine Entwicklung
an einigen Daten schrittweise verfolgen: Errichtung eines be—
sonderen Oberschulkollegtums 1787, feste Regelung der Kurse
mit Rücksicht auf Reife für die Universität und hierzu Ein—
führung des Abiturientenexkamens 1788; gegen Ende des
Jahrhunderts Begründung eines besonderen Gymnasiallehrer⸗
berufes; 1808 Errichtung einer besonderen Abteilung für
Kultur- und Schulwesen im Ministerium des Innern, die sich
1817 zu einem eigenen Ministerium auswuchs; 18258 Er⸗
richtung von Provinzialschulkollegten. Dazu Entwicklung der
inneren Organisation des einzelnen Gymnasiums schon zu