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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
Unterstützte, sie fallen entweder unter die Rubrik Ausbeutung’ oder
öffeni liehe Wohltätigkeit.
Eine andere Kritik des Solidarismus besteht darin, daß er der
Entwicklung hindernd in den Weg trete und infolgedessen rückschritt
lich wirke. Sehen wir doch überall und sogar in dem Bereich der
Biologie ein beständiges Streben der Wesen nach Autonomie, nach
Unabhängigkeit x ), eine beständige Arbeit, um das Individuum von
den Ketten alter Solidaritäten zu befreien, vom Saatkorn angefangen,
das sich müht, die Scholle zu durchbrechen und dem Himmel ent
gegenzuwachsen, bis zum Luftschiffen und Flieger, die sich daran
begeistern, endlich die scheinbar festesten Bande der Solidarität, die
der Schwerkraft, die ihn an den Boden fesselte, gebrochen zu haben.
Im Strafrecht z. B. lehnen wir uns mit Entrüstung gegen die kollek
tive Verantwortlichkeit der Familie und des Stammes auf, die den
primitiven Gesellschaften so gerecht erschien, die den Söhnen der
Atriden und sogar den Kindern Adams die Sünden ihrer Väter auf
erlegte 1 2 ). Dort, wo die Natur sie uns aufzwingt, können wir freilich
nicht anders, als sie auf uns zu nehmen. Wir müssen leider anerkennen,
daß der Unschuldige für die Fehler anderer leidet, daß das Kind des
Alkoholikers ohne eigene Schuld an dem Laster des Vaters stirbt.
Diese Solidaritäten aber nennen wir Geißeln und bekämpfen sie. Wir
denken nicht daran, diesen mitleidlosen Eumeniden Altäre zu errichten,
wie der Wilde seinen Fetischen. Dieser Solidarität, die mit einem
änderten Namen Ansteckung heißt, setzen wir den Individualismus ent
gegen, der die Antisepsis ist. Die zahllosen Solidaritäten der mittel
alterlichen Zünfte und Gilden wurden durch den großen Sturm der
französischen Revolution gebrochen und hinweggefegt. Warum sollen
wir uns daher bemühen, neue Ketten zu schmieden, und warum sollen
wir jedem Menschen eine Hypothek auf alle übrigen ausstellen?
Auch die Moralisten erheben ihrerseits viele Einwürfe gegen den
Solidarismus. Sie fragen, wo denn das neue Moralprinzip sei, das er
1 ) . Die Entwicklung erscheint durch ein wachsendes Bestreben der organisierten
Wesen nach Unabhängigkeit gegenüber dem Milieu, und nach Spezialisierung gekennt-
zeichnet“ (De Launay, L’histoire de la Ter re). Er sagt, daß die Gruppierung
des Kristalls um ein Zentrum in einer polyedrischen Kristallisationsform schon eine
Form der Verteidigung, also der Unabhängigkeit ist. Das Kristal war die erste
Individualität, der es gelang, sich aus dem Milieu auszuscheiden.
Das im Meere entstandene Tier, das sich in seinem Körper sein eigenes, ab
geschlossenes Milieu erschafft, tut den zweiten Schritt, usw.
2 ) „Der primitive Zustand war das Zeitalter der Solidarität. Sogar das Verbrechen
wurde hier nicht als individuell betrachtet; einen Schuldigen durch einen Unschuldigen
zu ersetzen, erschien ganz natürlich: die Schuld übertrug sieh und wurde erblich. Im
Zeitalter der Überlegung erscheinen derartige Dogmen unsinnig“ (Renan, Avenir
de la Science, S. 307J.