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theorie, auf die Böhm-Bawerks und Schumpeters Ein-
wände zutreffen, vorliegt, werden wir jetzt noch nicht unter-
suchen. Vielmehr wollen wir unsere Untersuchung erst noch
in einer anderen Richtung fördern, nämlich hinsichtlich der
Auffassung Schumpeters und Cassels über das Wesen des
Kredits.
Cassels Kapitaldisposition wird durch eine Genußgüter-
menge repräsentiert, auf deren Konsum für eine gewisse Zeit
zwecks Erwerbs eines Realkapitals von entsprechendem Werte
verzichtet wird. In der modernen Tauschwirtschaft wird die
Kapitaldisposition indessen in der Form des Geldes angeboten
und nachgefragt, „der unmittelbare Gegenstand des Kapital-
marktes ist also die Gelddisposition‘“1). Für Cassel ist demnach
das Geld die zufällige Schale, für Schumpeter ist es dagegen
der Kern des Kapitalphänomens. Für Schumpeter sind
prinzipiell nur Summen zusätzlicher Kaufkraft, die der Unter-
nehmer zwecks Durchsetzung neuer Kombinationen vom Bankier
geliehen bekommt, Kapital. In der Statik gibt es daher für
Schumpeter keinen Kapitalmarkt. Es gibt daher in der
statischen Wirtschaft für Schumpeter auch keinen Kredit,
denn unter Kredit versteht man doch weiter nichts, als den Akt
der Übertragung von Kapital. Man übersieht daher nach
Schumpeter auch nichts Wesentliches, wenn man annimmt,
daß der statische Betriebsleiter die nötigen Mittel zur Fort-
setzung der Produktion immer schon hat, wenn man vom Be-
triebskredit, d. h. von den Summen statischer Kaufkraft, die
zur kreislaufmäßigen Durchführung der Betriebe vom Bankier
immer wieder zur Verfügung gestellt werden, abstrahiert, da
es sich hier vom Schumpeterschen Standpunkt aus nur um
ein technisches Hilfsmittel der Zirkulation handelt®).
Für Cassel besteht dagegen auch in der Statik der Kapital-
markt, wo mit Hilfe des allgemeinen Tauschmittels die zur
Reproduktion des Realkapitals und gegebenenfalls zur Über-
nahme des Realkapitalzuwachses in der gleichmäßig fort-
schreitenden Wirtschaft, die wir ja auch mit in die Statik ein-
beziehen, erforderliche Kapitaldisposition gehandelt wird. Das
1) Cassel, Theorie, S, 394, .
1) Schumpeter, Entwicklung, $. 202. >) ebda., S. 149/52.