fullscreen: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

264 Zweiter Teil. Handel. XL Geldwesen und Kapitalismus. 
Maschinenfabrik Hartmann-Chemnitz erbaut und arbeitet, trotz der mißgünstigen 
Prophezeiungen der Engländer und Amerikaner, ganz vorzüglich. Auch andere 
Förder- und Bergwerksmaschinen sind seitdem mehrfach von deutschen Fabriken be 
zogen worden, ebenso wie die amerikanischen Stahlwalzen an den neueren Erz 
mühlen durch Grusonschen Stahl ersetzt werden mußten, da das amerikanische 
Fabrikat zu weich war und die Erze durch Abgabe von Eisen verdarb. Sonst über 
wiegt leider noch immer amerikanischer und englischer Einfluß, weil sehr viel dortiges 
Kapital in diesen, trotz Silberentwertung Gewinn bringenden Unternehmungen 
angelegt ist. 
5. Licht- und Schattenseiten des Kapitalismus. 
Von Walter Troeltsch. 
Troelisch, Über die neuesten Veränderungen im deutschen Wirtschaftsleben. Vortrags- 
cyklus. Stuttgart, W. Kohlhammer, 1899. S. 12—18. 
Es hat nur einmal in der Weltgeschichte eine Zeit gegeben, wo das Kapital 
eine ähnlich große Rolle gespielt hat wie im 19. Jahrhundert. Das war das 15. 
und 16. Jahrhundert, als in der Hand von wenigen großen Handelshäusern Süd- 
demschlands, Italiens und Frankreichs (ich nenne hier nur die Augsburger Fugger) 
infolge glücklicher Spekulationen Millionen vereinigt waren. 
Aber der Einfluß dieser Geldfürsten beschränkte sich auf den Handel mit teuren 
fremden Waren und auf die politisch-finanzielle Lage der damaligen westeuropäischen 
Dynastien. Die Masse der Bevölkerung blieb im ganzen von dieser Kapitalanhäufung 
unberührt, weil Produktion und Erwerb sich in dem alten primitiven Geleise fort 
bewegten, weder eine Befruchtung noch eine Erschütterung von den damaligen 
Kapitalmächten empfingen. 
Wenn seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts das Kapital so unendlich tief in 
unsere ganze Volkswirtschaft eingreift, so beruht dies darauf, daß sich sein Einfluß 
nicht, wie ehedem, nur auf einzelne Sphären beschränkt, sondern daß es die beherr 
schende Macht über die meisten Gebiete von Produktion und Erwerb geworden ist. 
Ist diese Macht des Kapitals als Glück oder als Unglück zu betrachten? 
Weite Kreise der Bevölkerung neigen heute zu letzterem Urteil. Da ist es wohl 
angebracht, darauf zu verweisen, wie Großes die moderne Volkswirtschaft dem Kapi 
talismus zu danken hat. 
Auf ihn ist doch zurückzuführen die ungeheure Expansion der Produktion, die 
heute Milliarden zählt, wo sie früher nur Hunderte von Millionen umfaßte, die heute 
trotz aller Maschinen Arbeitsgelegenheit schafft, wie sie der Vergangenheit fremd war 
Das Kapital ist der Pionier, nicht der Kultur, aber der wirtschaftlichen Entfaltung, 
auf der neben der Wehrkraft die Macht der großen Nationen ruht. Dabei ist das 
Kapital in seiner Funktion als Förderer des Erwerbs nicht, wie früher, auf enge 
Kreise beschränkt; eine Kreditorganisation, die zwar nicht lückenlos, aber doch außer 
ordentlich verfeinert ist, sorgt dafür, daß es den Zwecken aller Personen, die Vertrauen 
verdienen, dienstbar gemacht ist. 
Die Menschheit ist durch den Kapitalismus förmlich umgebildet worden. Und 
es handelt sich hier durchaus nicht bloß um Verschlechterungen, auf die ich sogleich 
komme. Die Anspannung der Leistungsfähigkeit des einzelnen, die dem modernen 
Wirtschaftsleben statt ehemaliger behaglicher Faulheit den Stempel fieberhafter 
Tätigkeit aufgeprägt hat, ist diktiert durch den Zwang, im Konkurrenzkampf fremdes 
oder eigenes Kapital so gut wie möglich auszunützen. Pessimisten nennen das
	        
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