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V, Die Hanse und die nordischen Länder
warnen; wenigstens in dem Sinne, als ob die Folgen geographischer Grund-
lagen konstant sein müßten. Um so deutlicher ist aber gerade in diesem Falle
zu beobachten, daß einerseits die sich wandelnde Gruppierung politischer
Macht, andrerseits die ebenfalls wandelbare Leistungsfähigkeit des Menschen
in Technik und Wirtschaft, aber auch in Gesinnung und geistiger Haltung,
zu einer grundverschiedenen Auswirkung der natürlichen Gegebenheiten
führten.
Für die früheren Jahrhunderte, bis ins 14. hinein, lagen die Dinge ver-
hältnismäßig einfach, da die unmittelbare nachskandinavische Seeschiffahrt
zwischen Ost- und Nordsee in der Hauptsache erst nach 1250 und auch dann
erst zögernd und mehr gelegentlich einsetzt. Gerade dem mit reinem Segel-
betrieb arbeitenden Seeschiff der Deutschen machte die Umsegelung der
jütischen Halbinsel, die sogenannte Umlandfahrt, zunächst noch mehr
Schwierigkeiten, als dem von ihm aus dem Felde geschlagenen Ruderschiff
der Skandinavier. Sollte es also in dieser Frühzeit zu einer Verbindung des
Handels von Ost- und Westsee kommen, so mußte sie als Durchquerung
der jütischen Halbinsel erfolgen. Auf dem Wege von der Eider zur
Schlei, nach Schleswig, hat denn auch in der Tat in den früheren Jahr-
hunderten der westdeutsche Kaufmann sich an das skandinavisch-slavische
Binnenhandelsgebiet der Ostsee vorgetastet, bis er eines Tages den weit-
blickenden Entschluß faßte, mit der Überlegenheit planmäßiger, in Alt-
deutschland ausgeprobter Städteanlagen im Ostseegebiet Fuß zu fassen,
sodann aber seine Überlegenheit in Handelsorganisation und Schiffahrt im
Ostseebecken spielen zu lassen. Aus diesem in westfälischen Städten er-
sonnenen, im Zusammenhang mit der großen deutschen Kolonisationsbe-
wegung glänzend durchgeführten wirtschaftspolitischen Programm erwuchs
als westdeutsche Unternehmergründung Lübeck, erwuchs im weiteren Ver-
lauf das ganze Wirtschaftssystem der Hanse. Aus ihm erwuchs aber auch das,
was uns hier insbesondere interessiert: der neue ungleich bedeutendere Über-
jandweg auf dem südlichsten Teile des Isthmus: die Verbindung von Lübeck
mit seinem Nordseehafen Hamburg.
Die Bezeichnung dieses Weges als Überlandweg bedarf allerdings einer
Einschränkung: die Landstraße wurde in der Regel nur von Hamburg bis
Oldesloe benutzt, hier erfolgte die Umladung der Waren auf die Trave-
kähne, die von Oldesloe nach Lübeck einen regelmäßigen Verkehr unter-
hielten. Bei einer Verarbeitung des Lübecker Pfundzollbuches vom Jahre
1368 ergab sich mir die überraschende Tatsache, daß allein die Einfuhr von
flandrischem und englischem Tuch über Oldesloe nach Lübeck auf der Trave
in diesem einen Jahre 460 verzollte Einzelposten ergab, die einen Gesamt-
wert von 150000m., lüb. (rund 10—12 Millionen Mk.) darstellten. Ein vor-
sichtiger Vergleich mit Angaben des Lübecker Schuldbuches ließ die Menge
dieses Tuches auf etwa 23—25000 Stück schätzen?). Diese eine Zahlenreihe