Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Beginnender Realismus. 
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verknüpfte, wenn nicht gar vielfach eben aus ihm hervorging: 
die Ideen in ihrem geschichtlichen Verlaufe erschienen als Ema— 
nationen des Absoluten, des Göttlichen, als die Gedanken 
Gottes in der Geschichte: und als solche einzelnen großen 
Individuen, Personen oder Völkern, besonders anvertraut. 
Leuchtet nun nicht alsbald ein, daß sich eine solche Auf⸗ 
fassung aufs beste mit den Lehren Fichtes vertrug? Daß sie 
gar beinahe als ein integrierender Bestandteil der Philosophie 
Schellings und als ein unmittelbar konstituierendes Element 
der Geschichtsphilosophie Hegels erscheinen konnte? So lag 
es nahe, daß sie, als ein allgemeines Element romantischer 
Weltanschauung, auch die Historiker der Zeit beherrschte, zumal 
sie exakte Forschung im einzelnen bis zu einem hohen Grade 
nicht ausschloß. 
Ranke war ein Thüringer Kind, und in seiner lebhaften 
Imagination, seinem versöhnenden Blicke auf die bunten Gegen— 
fätze der Welt hat er immer etwas von der Eigenart seines 
Stammes behalten. Im Jahre 1795 zu Wiehe geboren, fromm 
erzogen, näherte er sich mit einer ersten Liebe dem Studium 
der Theologie; und als der historische Beruf durchschlug, da 
sah er seine eigentliche Aufgabe in einer priesterlich-enthusiasti— 
schen Ergründung der göttlichen Mär der Weltgeschichte. Aus 
diesen Stimmungen, aus der ernsten Pflege zugleich der Lehren 
der soeben bis zur Niebuhrschen Quellenkunde und zur Humboldt— 
schen Ideenlehre entwickelten Methode ging 1824 sein erstes 
großes Werk, die „Geschichten der romanischen und germanischen 
Völker“ hervor: von phantasiereichstem Eindringen in fremde 
Welten, den ganzen Ranke der späteren Zeit schon ahnen 
lassend, aber noch schwerflüssig und teilweise noch unter der 
sichtlichen Einwirkung der Art Johannes von Müllers. Als 
Ranke dann aber ein Jahr darauf eine Professur in Berlin erhielt, 
da war er schon im Begriffe, in mancher Hinsicht ein Fertiger zu 
werden. Mit heiligem Entzücken zog er in die Stadt ein, der 
er bis an sein spätes Ende treu geblieben ist; tausendmal 
schwor er sich zu, sein Leben in Gottesfurcht und Historie zu 
pollbringen. Und alsbald begann er mit universalgeschichtlichen
	        
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