VII. Die Gründungsunternehmerstädte des 12. Jahrhunderts 261
fernhändlerischen Motive waren jedenfalls hier wie dort die gleichen.
Auch die Formen weisen Vergleichspunkte auf. Die Italiener waren aller-
dings den Deutschen gegenüber dadurch im Vorteil, daß sie sich in bereits
vorhandenen Städten nach der durch ihre Flottenhilfe erfolgten Er-
oberung festsetzen konnten, während die Deutschen sich ihre Stützpunkte,
nämlich die Städte im Ostseegebiet, erst selbst zu schaffen hatten. Aber
wenn die Venetianer, Genuesen und Pisaner bei ihren Verträgen vor den
geplanten Eroberungen sich Überweisung von Kaufhäusern, Marktbuden,
Backöfen, Badstuben, Mühlen und anderen gegen hohen Mietzins zu nutzenden
Baulichkeiten ausbedungen haben®®), so versteht man es um so besser, warum
sich die deutschen Gründungsunternehmer bei ihren Gründungen genau die-
selben Baulichkeiten vorzubehalten wußten. Die Italiener, an deren Fern- und
Großhandelstätigkeit in dieser Zeit ja niemand zweifelt, legten also auf für
unsere Augen zunächst so unscheinbare Objekte wie das Eigentum an den
von den kleinen Leuten zu benutzenden Marktbuden usw. einen so ent-
scheidenden Wert. Da gewinnt das Vorgehen ihrer deutschen fernhändle-
rischen Genossen an Verständlichkeit.
Es ist kein Zufall, daß die Städte, mit denen sich diese Ausführungen zu
beschäftigen hatten, durchweg Städte von wirklicher Bedeutung kurz nach
ihrer Entstehung waren, in der Hauptsache Fernhandelsplätze. Mit jenen
kleineren Gründungen des 12. Jahrhunderts, die in der Tat meist zu nichts
führten als zu bescheidenen Ackerbaustädten, habe ich mich nicht zu
beschäftigen®). Bei ihnen nach bürgerlichen Gründungsunternehmern zu
suchen, wäre ein vergebliches Bemühen. Schon von dem auf lange Jahr-
zehnte hinaus ganz unbedeutenden München hatte ich in diesem Zusammen-
hange nicht zu reden, obwohl es wie auch Lübeck mit Heinrich dem Löwen®?)
zusammenhängt und von Siegfried Rietschel zu Lübeck in Vergleich gesetzt
wurde, m. E. aus einer unzutreffenden Problemstellung heraus®); von
andern Namen zu schweigen. Eine eben jetzt erschienene Arbeit von Franz
Beyerle hat für das Oberrheingebiet’°) mit starkem Nachdruck auf den grund-
sätzlichen Unterschied in dem Entstehen kleiner Städte, die auf den lokalen
Interessenkreis eines Grundherrn wirtschaftlich und auch ihrer rechtlichen
Natur nach eingestellt sind, und auf jenes für das Oberrheingebiet epoche-
machende Ereignis, wie es die Gründungsunternehmung bürgerlichen
Einschlags Freiburg vom Jahre 1120 darstellt, hingewiesen; nur an der
Wiege von Freiburg haben mercatores personati gestanden; nicht etwa
an der von Radolfzell oder Arbon. Das im Kern Neue und Bedeutsame an
den Stadtgründungen des 12. Jahrhunderts, das auch dem Umfang und der
Bedeutung der Leistung nach Beachtenswerte, hat sich das aufstrebende
deutsche Bürgertum des 12. Jahrhunderts zur Befriedigung seiner eigensten
Bedürfnisse letzten Endes selbst geschaffen. Wenn Lübeck und Wien, wohl
die bedeutendsten Vertreter des neuen Stadttyps, schon zu Anfang des