Full text: Gesellschaftslehre

192 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen.der Gesellschaft. 
die Selbständigkeit des Einzelnen erweist sich bei genauer Betrachtung 
doch als eine nur eingeschränkte. Selbständig entscheidet nämlich der auto- 
nome Mensch nur einzelne Fragen, die an ihn herantreten. Viel geringer 
dagegen ist seine Selbständigkeit gegenüber den grundlegenden Anschau- 
ungen, die gleichsam die Prämissen bilden, als deren Konsequenzen jene 
einzelnen Stellungnahmen erscheinen. Diese Prämissen übernimmt auch 
er mehr oder weniger aus seiner Mitwelt, wie sie denn bei den Griechen, 
bei unserem Mittelalter und unserer modernen Zeit jeweilig weit aus- 
einandergehen, z. B. in der Auffassung der Naturgeseglichkeit. In der 
vanzen Art der Denkweise bleibt also auch der autonome Mensch von 
seiner Umgebung abhängig. 
Wir haben hier jedoch überhaupt nicht irgendwelche Inhalte der 
jeweiligen Denkweise im Auge, sondern den ganzen Stil der Denk- 
weise; und von ihm behaupten wir, daß der Einfluß der Umwelt ihn 
überall durchdringt und damit auch innerhalb der ganzen Denkweise kein 
Bereich von seinem Einfluß frei läßt. Begründen kann man diese Be- 
bauptung durch den Hinweis auf die Rolle der Sprache, angesichts des 
engen Zusammenhanges zwischen Sprache und Denken?!). Er bildet nur 
einen besonderen Fall jenes allgemeinen engen Zusammenhanges zwi- 
schen Erlebnis und Ausdruck, den wir schon früher ($ 14, „) erörtert 
haben. Auch für den sprachlichen Ausdruck gilt nämlich der Sag, daß 
der Ausdruck nicht einfach eine entbehrliche Hinzufügung zu einem an 
sich fertigen und abgeschlossenen Erlebnis bedeutet, sondern vielmehr 
dieses Erlebnis erst voll ausgestaltet. Ein Gedanke gewinnt Fleisch und 
Blut erst dadurch, daß er ausgesprochen wird. Alles, was unformuliert 
bleibt an Anschauungen, führt nur ein Schattenleben und kann an Wir- 
kungskraft, insbesondere an Fähigkeit die Seele zu gestalten, nicht mit 
dem ausgesprochenen Wort verglichen werden. Jede Anschauung aber, 
die ausgesprochen wird, unterliegt damit der Formung durch die ge- 
gebenen Kategorien der Sprache, deren Träger die Gesellschaft ist. Die 
Gesellschaft formt also das Denken des Einzelnen vermöge der sprach- 
lichen Kategorien, die er von ihr empfängt. Diese Kategorien, mag man 
an den Wortschag, mag man an den Sagßbau und Stil denken, durch- 
dringen wie gesagt mit ihrer formalen Macht all unser Denken bis in die 
fernsten Winkel. Gewiß ist der konkrete Inhalt der Vorstel- 
lungswelt in jedem einzelnen Menschen mehr oder weniger selbständig; 
und zwar gilt dies nicht nur vom autonomen Menschen, sondern sogar 
schon auf niederen Stufen muß man eine weitgehende Selbständigkeit 
des Einzelnen in dieser Beziehung annehmen angesichts der individuellen 
Mannigfaltigkeit seiner Erlebnisse und seiner Berührungen mit anderen 
1) Vel. Max Scheler, Gesammelte Schriften. 2, 149 f.
	        
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