Das Wesen der Gemeinschaft.
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schaft abgeben. Man darf sich nicht vorstellen, daß sie automatisch das
Gemeinschaftsverhältnis hervorrufen. In Amerika z. B. würden schwer-
lich Neger und Weiße auch durch die eingreifendsten gleichen Schicksale
zu einer Gemeinschaft verbunden angesichts. der tiefen hier bestehenden
Kluft.
3. Das Gemeinschaftsverhältnis besigt also Dauercharakter. Ge-
nauer betrachtet hat man zu unterscheiden zwischen einem Dauer-
zustand und seiner Aktualisierung. Die Gemeinschaftserleb-
nisse sind eingebettet in eine dauernde Gemeinschaftshaltung.
Die leötere fällt unter den Typus der Gesinnung, die sich in ein-
zelnen Erlebnissen aktualisiert. Man denke zum Vergleich an die Liebe
oder den Haß: beide bekunden sich ausgesprochener Weise nur in ein-
zelnen Akten; diesen liegt jedoch etwas Dauerndes zugrunde. Das Dau-
ernde bei einer Gesinnung besteht zunächst in einer gewissen Disposi-
tion, die eben unter gegebenen Umständen die einzelnen Akte entstehen
läßt. Darüber hinaus aber ist die Gesinnung in Dauerform wirksam als
eine psychophysische Haltung; und zwar bekundet sich diese erstens in
der Ausdruckshaltung, zweitens indem sie die Gesamtfärbung des Be-
wußtseins mitbestimmt, und drittens in dem ganzen Stil des Verhaltens.
In diesen drei Beziehungen ist eine Gesinnung dauernd im Menschen
wirksam; und zwar gleichviel wie weit er sich ihrer bewußt ist oder nicht
— gemäß dem Sag: eine Haltung ist unabhängig von dem Grad ihrer
Bewußtheit.
Wenden wir uns jeßt wieder zur Gemeinschaftshaltung und be-
trachten zuerst die von ihr bewirkte Färbung des Bewußt-
seins. Eines Gemeinschaftszustandes ist man sich wie gesagt nicht
dauernd bewußt (d. h. genauer gesagt: man beachtet ihn nicht fort-
gesegt); aber ebensowenig ist man seiner dauernd völlig unbewußt, viel-
mehr geht das Bestehen eines Gemeinschaftszustandes in den Gesamt-
zustand des Bewußtseins mit ein, indem es seiner Gesamtqualität eine
charakteristische Färbung verleiht, etwa im Sinne einer „Bewußtseins-
lage“. Und zwar besteht einerseits eine solche Färbung schlechtweg
dauernd; anderseits tritt sie in einer besonderen Nuance auf, wenn der
Mensch in Berührung mit dem Gegenstand der Gemeinschaft tritt. Die
eigentümliche Dauerfärbung, die das Gemeinschaftsbewußtsein erzeugt,
wird uns am besten klar an dem Gegenteil, an dem Fall, daß jemand
einer engen Gemeinschaft z. B. durch einen Familienverlust beraubt ist.
In diesem Fall entsteht in ihm eine eigentümliche Färbung der Schwäche,
Verengtheit und Armut. Es ist ihm zumute, wie man wohl sagt, als ob
er ein Stück von seinem Ich verloren habe. Umgekehrt besteht bei dem
Menschen. der in ein starkes und reiches Gemeinschaftsleben eingebettet