214 Die Abstufung der Gesellschaft (Gemeinschaft und „Gesellschaft“).
ist, eine Färbung des Bewußtseins im Sinne der Fülle, der Kraft und der
Weite, entsprechend der Tatsache, daß er sein Ichbewußtsein tatsächlich
über weite Kreise ausgedehnt hält. Den gemeinschaftsreichen Menschen
erfüllt ferner ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, während der
gemeinschaftsarme leicht von einer Stimmung der Spannung und Un-
gewißheit heimgesucht wird.
Vergleichen wir jegt die Stimmung, die denselben Menschen in-
nerhalb seiner Gemeinschaft erfüllt, mit derjenigen, die ihh außer -
halb ihrer beherrscht, so können wir von einem Heimgefühl in-
nerhalb der Gemeinschaft sprechen gegenüber dem Bewußtsein der
Fremdheit, das ihn außerhalb ihrer erfüllt. Als Quellen für dieses spezi-
fische Heimgefühl kommen in Betracht zunächst das Bewußtsein der Soli-
darität oder sogar des Wohlwollens der Umgebung, insbesondere aber das
Bewußtsein von der absoluten fördernden Überlegenheit der den Ein-
zelnen tragenden Gruppe. In gleichem Sinne wirkt die Vertrautheit mit
den gesamten Verhältnissen, wie sie mit der Gemeinschaft naturgemäß
verbunden ist. Kraft ihrer hat jeder einzelne das Bewußtsein, allen An-
forderungen gewachsen zu sein, die an sein Verhalten gestellt werden in
der Muße des täglichen Lebens, im Umgang mit Genossen und im Zu-
sammenhang der Arbeit; und daraus entspringt ein Gefühl der Sicher-
heit, wie es in fremden Verhältnissen mit ihren Unberechenbarkeiten und
etwaigen Schwierigkeiten viel schwerer aufkommt. Als dritte Quelle
kommt hinzu jenes für die Gemeinschaft charakteristische Verhältnis der
Umgebung zum Einzelnen, das wir als Resonanz bezeichnen können.
Man denke an die gemeinsamen Erlebnisse, Überlieferungen, Kenntnisse
and Interessen, die Gemeinsamkeit der Erinnerungen, der Gefühle und
der Denkweise, die weitgehende Möglichkeit sich zu verstehen und zu
ergänzen. Auch auf die unbelebte Umgebung greift die Gemeinschaft
in dieser Beziehung mannigfach über: Heimat und Elternhaus, die Ar-
beitsstätte, mit der sich jemand verwachsen fühlt oder die Stätten be-
ylückender Erlebnisse, religiöse Symbole und kriegerische Trophäen, sie
alle strahlen ebenfalls eine Fülle von Erinnerungen aus und segen Phan-
tasie und Gefühl in Bewegung. Alle diese Beziehungen werden natür-
lich nicht einzeln im Bewußtsein lebendig, aber sie üben eine Gesamt-
wirkung im Sinne einer charakteristischen Färbung aus.
Daneben beeinflußt die Gemeinschaftshaltung auch die Aus-
druckshaltung und den ganzen Stil des Verhaltens. Beschränken
wir uns auf die differentielle Betrachtung, so sind beide verschieden, je
nachdem der Mensch sich in seiner „eigenen“ Welt bewegt, die von seinem
Ichbewußtsein mit umfaßt wird, oder in einer „fremden“ Welt, in der
sich sein Ich abgeschlossen hält. Im ersteren Fall ist von einer gewissen
Vertrautheit, Sicherheit und Entspannung zu sprechen, die sich in Hal-