Aufklärung und Pietismus.
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hat schon in seine Frankfurter Konventikel auch Reformierte
aufgenommen.
Und dieser Haltung gegenüber der Kirche lief eine gleich
freie parallel gegenüber der Lehre und der Heiligen Schrift.
Man erkannte in den biblischen Büchern Wertunterschiede an.
Man stellte den individuellen Heilsweg über die Glaubenssätze.
Von rationalistischer Kritik befruchtet oder wenigstens mit be—
einflußt, hatte man eine gewisse Abneigung gegen systematische
Theologie überhaupt und verhielt sich ziemlich indifferent gegen
dogmatisches Christentum. So wenigstens Spener, der gesagt
hat: „Das Reich Gottes ist nicht gebannt in die Rinamauern
unserer Kirche.“
Nun besteht kein Zweifel, daß eine solche geistige Haltung
zunächst mit dem Umstand zusammenhing, daß es, sozial be—
trachtet, aristokratische Schichten waren, deren Angehörige sich
im Pietismus zusammenfanden: geistig hochentwickelte Bürger
und Adlige. Zugleich aber ist klar, daß diese Haltung leise
iüber den Individualismus hinauszuweisen begann hinein in ein
subiektivistisches Christentum.
Dennoch läßt sich von einer allgemein subjektivistischen
Haltung noch keineswegs reden. Von deren vollen Zügen fehlt
zum Beispiel gänzlich das persönliche Verhältnis und deshalb
die Liebe zur Natur: Spener ist in Dresden ein ganzes Jahr
lang nicht zum Stadttor hinausgekommen, und in seiner neun⸗
jährigen Berliner Tätigkeit hat er seinen Propsteigarten nur
zweimal besucht. Nicht minder bezeichnend ist der vollständige
Mangel an Liebe zu menschlicher Gesellschaft und Geselligkeit;
Franckes „Dreißig Regeln zur Beratung des Gewissens und
zuter Ordnung in der Konversation oder Gesellschaft“ schätzen
Geselligkeit nur in der Form christlichen Gedankenaustausches;
zanz allgemein gelten ludi fortanae, saltationes und ludi
heatrales als ein Greuel vor dem Herrn; den Kindern des
Halleschen Waisenhauses ist Ballspielen, Schneeballen, Baden
und Betreten des Eises unbedingt verboten, da sie „ihre wahre
Freude und süße Herzenslust an ihrem freundlichen und hold⸗
seligen Heilande finden“ sollen; auch erlaubte Scherze sind