Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 2)

698 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
steuer zu erledigen. Und damit dieser Gang der Geschäfte 
ohne Sprengung des Reichstags möglich sei, erklärte er alle 
Beschlüsse des Reichstags, wie sie von den Katholiken über 
die Köpfe der Protestanten hinweg gefaßt werden konnten, 
für reichsrechtlich gultig. Es war, bei dem gegenseitigen Zahlen— 
verhältnis der katholischen und protestantischen Stimmen im 
Reichstag, gegenüber dem bisher giltigen Rechte ein einfacher 
Akt der Vergewaltigung der Protestanten. 
In diesem Augenblicke aber hörte man in Regensburg, 
daß der Krieg von den Türken bereits vorfrüh mit 80000 
Mann eröffnet worden sei. Es war gegen alle Erwartung; 
der Kaiser konnte sich nicht mehr auf lange Erörterungen der Vor— 
fragen einer Steuerbewilligung einlassen; er sah, daß er unter 
den vorhandenen Umständen den Protestanten entgegenkommen 
müsse; und da dies nach allem Geschehenen innerhalb der 
Verhandlungen des Reichstags nicht mehr möglich war, so 
genehmigte er, daß die protestantischen Beschwerden außerhalb 
des Reichstags in freien Konferenzen unter der Leitung des 
versöhnlichen Erzherzogs Maximilian erörtert werden sollten. 
Diese Konferenzen begannen immerhin hoffnungsreich. 
Allein der Kaiser verdarb auch hier alles durch erneutes Schwanken. 
Ohne das Ergebnis der Konferenzen abzuwarten, brachte er 
das Projekt einer neuen provisorischen Türkensteuer von 80 
Römermonaten im Reichstag ein und bestätigte andrerseits 
fast keines der Zugeständnisse, die Maximilian den Protestanten 
im Laufe der Konferenzverhandlungen geglaubt hatte machen zu 
können. So ward schließlich jedernann mißmutig; und Maxi— 
milian, dessen Stellung allmählich lächerlich zu werden drohte, 
verließ Regensburg am 16. Oktober. 
Was war nun zu thun? Der Ausgang mußte noch 
schlimmer sein, als im Jahre 1608. Die Protestanten reisten 
ab; der Reichstag war von neuem gesprengt. Die Katholiken 
aber bewilligten nun mit Stimmenmehrheit die provisorische 
Türkensteuer, und der Kaiser nahm ihren Beschluß als 
giltig an. 
So stand der Kaiser nicht mehr über den Ständen. Er
	        
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