358
Umgang mit den konservierenden Lohwassern gegen Krankheiten geschützt
sein, letzteres ein wissenschaftlicher Streit, welcher in betreff der Cholera J )
und Tuberkulose bis heute noch nicht einwandfrei entschieden ist 3 ).
Viel weniger Beachtung als die verhältnismäßig unschädlichen Aus
dünstungen und Gerüche, welche heute mehr unter dem Gesichtspunkte
der Belästigung der Nachbarschaft als unter dem der Krankheitsätiologie
betrachtet werden, fand die Flußarbeit, welche das 17. Jahrhundert
mit den charakteristischen Worten schildert, daß die Gerber die Häute
„nach allen Lüsten bereiten, wobei die Arbeiter bis an die Waden im
Dreck stehen" 4 * ), eine Schilderung, welche auch durch Abbildungen be
zeugt ist 6 * ). Aber selbst nach Abstellung dieser groben Mißstände bleibt
immer noch das Arbeiten in kalten oder nassen Räumen; die Arbeiten
am Äscher, an den Beizen, am Schabebaum, ziehen eine mehr oder
weniger starke Durchnässung nach sich, was wiederum Veranlassung
gibt zu Katarrhen, Erkältungen, Rheumatismen, Entzündungen der
Lunge, Durchfällen, gelegentlich auch zu Wassersucht ").
Das Arbeiten mit den zur Ausübung des Gewerbes nötigen Werk
zeugen bildet eine weitere Veranlassungsreihe von Erkrankungen. Hierher
gehören Schwielen und akzidentelle Schleimbeutel, welche sich entzünden
und vereitern können; die Körperstellung, besonders bei den Arbeiten
am Schabebaum, ist eine ungesunde, sie führt zu Reizungszuständen der
Harnwege, Leistendrüsenentzündungen und weiteren Erkrankungen der
hier liegenden Organe und Hautpartieen. Die aus der Überanstrengung
einzelner Muskelgruppen sich ergebenden Kontrakturen, Sehnenscheiden
entzündungen, Handgelenksentzündungen endlich gehören ebenfalls in
diese Reihe professioneller Erkrankungen').
Auch die U n f a l l g e f ä h r l i ch k e i t der Lederindustrie in bezug auf
Verletzungen gehört in diese Kategorie; die letzte von den in 10 jährigen
Perioden wiederholten Statistiken des Reichsversicherungsamtes datiert
aus dem Jahre 1907, und danach ist die Unfallgefährlichkeit der
Gerberei mit 9,25 pro Mille auch etwas unterhalb des Durchschnittes
der Unfallhäufigkeit der Gesamtgewerbe, welche 9,66 pro Mille beträgt 8 ).
Für die Weißgerberei speziell liegen keine Daten vor.
Erkrankungen der Atmungsorgane infolge von Staub spielen bei
der Weißgerberei eine verhältnismäßig geringe Rolle.
Wichtiger und tiefergreifend sind die Alterationen durch Chemikalien
‘) I. f. N. 1871, Bd. 17, S, 122/123; Popper 1882, S. 328.
2) Layet 1877, S, 141; Popper 1882, S. 328.
3 ) Vgl. Ledermart 1898, Nr. 13, S. 5. “) Piazza 1659, S. 499 f.
») Frisius 1708, S. 423. °) Popper 1882, S. 57, 58, 324 ff.
’) Hirth 1878, Bd. II, S. 148ff.; Lat,et 1877, S. 139ff.
8 ) Ledermarkt 1908, Nr. 89; 1911, Nr. 55; 1910, Nr. 7,