Full text: Arbeiterschaft und Kolonialpolitik

andersetzen wollen, so können wir genau das Gegenteil konsta- 
tieren. Wenn Deutschlands Ansehen im Ausland und gerade bei 
der Eingeborenenbevölkerung der außereuropäischen Erdteile 
nach dem Kriege gestiegen ist, so ist das sicherste Mittel, dies 
wieder zunichte zu machen, neue Macht- und Gewaltpolitik. 
Wiedererwerb von Kolonien oder Übernahme eines Kolonial- 
mandats durch Deutschland würde uns notwendig in Konflikte 
führen mit den anderen Kolonialmächten einerseits, mit der auf- 
ständischen kolonialen Bevölkerung andererseits. Durch Rü- 
stungen, Flottenstationen, eine „Schutztruppe“, die wir brauchen 
würden, um uns vor etwaigen Aufständen der Eingeborenen zu 
schützen, würde unser Etat weiter belastet werden. Außerdem 
würde ein Mandat heute, gehau wie unsere Kolonien vor dem 
Kriege, Zuschüsse erfordern. Nach dem Bericht der Mandats- 
kommission des Völkerbundes erfordert selbst das japanische 
Südseemandat Jährlich rund 3 Millionen Jen Zuschüsse. Sozia- 
listische Politik aber kann es niemals sein, zu den bisher schon 
bestehenden ungeheueren Rüstungsausgaben, die der deutsche 
Steuerzahler aufbringen muß, neue zu häufen. Aufgabe der 
sozialistischen Politik muß es vielmehr sein, den kolonialen Be- 
strebungen energisch entgegenzutreten. Der kolonialen Propa- 
ganda sind auch schon ernsthafte wissenschaftliche Organe und 
wichtige Wirtschaftsinstitutionen zum Opfer gefallen. So spricht 
z. B. der Hamburger Handelskammerbericht vom Jahre 1925 
von der „nationalen Ehre‘, die von uns die Übernahme eines 
Kolonialmandats verlange, und in der „Zeitschrift für Geopolitik“ 
(IV, ı) schreibt Hermann Becker: „Schon die Übertragung eines 
mageren Kolonialmandats aus der Hand. des Völkerbundes an 
Deutschland könnte von höchstem wirtschaftlichen Nutzen für 
uns werden, da sie die Kolonialschuldlüge ad absurdum führen 
würde.“ Hier wird also der Prestigestandpunkt auf ganz un- 
erklärliche Weise mit der Frage der Wirtschaftlichkeit ver- 
quickt. 
Wenn Deutschland wirklich sein „Prestige“ wahren will, so 
begibt es sich nicht in neue imperialistische Abenteuer, so be- 
ginnt es vor allem nicht von neuem eine Politik, die auf Grund 
der ganzen wirtschaftlichen Entwicklung bereits ad absurdum 
geführt ist, so stellt es sich nicht gegen die erwachenden, um 
ihre Freiheit ringenden Völker des Ostens, sondern fördert ihren 
Kampf im Bunde mit wirtschaftlichem Fortschritt und wirt- 
schaftlicher Vernunft.
	        
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